reformiert. Evangelisch reformierte Zeitung für die deutsche und rätoromanische Schweiz. September 2013

Glauben und Zweifeln                  

Am Ende der Primarschule, in der letzten Religionsstunde, als sich der evangelische Diakon mit einem Schlusswort von der Klasse verabschiedete, sagte er, bevor alle aufstanden und hinausrannten: „Martin, du bleibst da, dir möchte ich noch was sagen.“ Ich sei ihm in den vergangenen Jahren positiv aufgefallen, sagte er. Keiner sei so dabei gewesen im Unterricht, keiner habe so mitgemacht wie ich. Ich war schockiert. Ich ein Musterschüler?

Das habe ich nie sein wollen, in keinem Schulfach. Dann legte er die Hand auf meinen Nacken und sagte, ich solle ein Jünger Jesu werden. Ein Jünger Jesu, wie wird man das, wollte ich fragen, aber ich brachte kein Wort heraus.

Von zu Hause aus wurde ich nicht besonders religiös erzogen. Mein Vater, der jüdischer Abstammung war, offiziell konfessionslos, beschäftige sich nicht mit Glaubensfragen. Mein Bruder war ähnlich. Mein Grossvater mütterlicherseits war hingegen ein eifriger Protestant, der auf Spaziergängen Reden, um nicht zu sagen Predigten hielt, die sich häufig gegen den Papst richteten.

Ein Jünger Jesu, wie wird man das?

Ein Jünger Jesu, überlegte ich, das bedeutet wahrscheinlich, voll und ganz hinter diesem Jesus zu stehen bis zu seinem Tod und daran zu glauben, dass er auferstanden ist. Einer der Jünger, Thomas, tat sich schwer, dies zu glauben, und Jesus soll ihn aufgefordert haben, den Finger in seine Wundmale zu legen. Die Wundertaten konnte sich der Zweifelnde noch erklären, je nach dem, wie er sie interpretierte, aber Jesus selber? Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt sagt in einem Videointerview, das ich erst kürzlich in einer Ausstellung sah: „Ich kann nicht glauben, was mir nicht einleuchtet.“

Vor der Konfirmation sagte ich zum Pfarrer, dass, wenn man es genau nähme, ich nicht konfirmiert werden könne, denn ich könne nicht wirklich glauben, dass Jesus Gott und Mensch zugleich gewesen sei. Für mich sei das nur symbolisch. Der Pfarrer war ein hochgewachsener, sportlicher, Mann, der, wenn er lächelte, eine starke Ausstrahlung hatte. Also lächelte er und meinte, als wäre mein Problem nicht wirklich ernst zu nehmen: „Das kommt dann schon.“ Ich mag Rituale und liess mich konfirmieren.

Mit 23 erlitt ich beim Akrobatiktraining einen Unfall. Ich lag verletzt im Spital. Bei der Notoperation wusste man nicht, ob ich überleben würde, doch nach ein paar Monaten ging es mir wieder gut. Seither fällt es mir leichter an Wunder zu glauben. Zu Gott beten ist selbstverständlich. Dankbar sein, im Alltag und Gott gegenüber, gibt mir Kraft.

Mit 52 lernte ich meine Frau kennen. Sie ist gläubige Katholikin. Wunder sind für sie etwas Zentrales und Allgegenwärtiges. Gott und Gottes Sohn und der heilige Geist gehören für sie zusammen. Manchmal begleite ich sie in die Messe, bin fasziniert von der Liturgie, fühle mich aber als Aussenstehender. Ich möchte mich bekreuzigen können, nicht nur äusserlich, was ich meistens tue, um nicht aufzufallen, sondern echt. Ich wundere mich über das Wunder des Abendmahls, stelle mich aber nicht in die Reihe und falle auf. Ich bin noch immer kein Jünger Jesu geworden, und wenn doch, dann wäre ich ein Jünger, der zweifelt.

Martin Hamburger