Das Leben von Eva Wilhelmine  Walter-Geissler  (1900-1991)

Wissen Sie, meine Geschichte klingt sehr  unwahrscheinlich, aber sie ist wirklich wahr

Ich hatte einen ganz grossen Posten in der  kommunistischen Partei. Ich besass ein Passepartout für den Kremel, mit dem ich  zu jedem gehen konnte. Ich war 23 Jahre alt und die Frau des Luftwaffenchefs,  den ich ein Jahr zuvor als Angestellte der russischen Handelsvertretung in  Berlin  kennengelernt hatte. Kommunistin  war ich schon immer gewesen. Ich gehörte dem Spartakusbund in München an, seit  1918, war also eines der ersten Mitglieder der Revolution und wurde, als alles  zusammenbrach - ach, war das traurig -, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt,  fast vier Monate lang. Das war ziemlich schlimm, als 18jähriges Mädchen im  Knast zu sein. Auch meine ältere Schwester haben sie erwischt. Sie war frisch  verheiratet, da kam ihr Mann in die Besuchsstunde - mit weisser Weste und  Spazierstock - und hat verkündet, dass er sich scheiden lassen wolle. Er war  Schweizer. Wir haben ihm das damals sehr übel genommen. Heute kann ich es  verstehen: Ein angesehener Mann und zwei Weiber im Gefängnis - kahlgeschoren  wegen der Läuse.       Meine Schwester hat mir immer geholfen.  Sie war viel attraktiver als ich, ein aussergewöhnlicher, leidenschaftlicher  Mensch. Auch sie war in Moskau, auch sie hatte eine gute Stellung und natürlich  einen Mann.       Ich arbeitete an den Sitzungen als  Uebersetzerin. Russisch konnte ich  seit  ich im ersten Weltkrieg  die russischen  Kriegsgefangenen betreuen musste. Bei jeder Sitzung war ich dabei. Es waren  Sitzungen der deutschen Delegation vom Zentralkomitee der Partei und von der  kommunistischen Internationalen, also der Komintern.       Meine Schwester und ich sind nach Moskau  gekommen mit einer eigenartigen Voreingenommenheit gegen Lenin. Wir haben  gedacht, dass ein Mensch, der wie ein Gott verehrt wird, unnahbar und kalt sei.  Aber er war das Gegenteil: so einen schlichten und wunderbaren Menschen habe  ich unter den ganzen Politikern nicht gekannt. Lenin war wirklich ein Mann, der  ganz einfach war, und wir waren hingerissen von ihm, vom ersten Moment an.       An den Sitzungen war Lenin schon nicht  mehr dabei. Er war ein schwer kranker Mann. Aber ich habe ihn noch vor der  Krankheit gekannt, und auch seine Frau, die Krupskaja, die die hässlichste Frau  war, die ich je gesehen habe, mit hevorquellenden Augen, doch war sie ein so  wunderbarer Mensch wie er. Lenin hatte zwar allerdings eine Geliebte, wie alle  Männer. Eine Kämpferin soll sie gewesen sein. Ich habe sie nie gesehen, doch  sie kommt in jeder Biografie vor. Mich hat das nicht gestört.       Als Mitglied der deutschen Delegation  hatte ich drei Büroräume zur Verfügung. Und ich habe mich schrecklich geärgert,  dass Katjana von der japanischen Partei und Iwan, ein Vertreter aus Indochina,  zwei Zimmer miteinander teilen sollten, so  hab ich denen einen Raum abgegeben. Alle hatten Uebernamen, und man wusste  nicht, wie die Leute wirklich hiessen. Aber auch, wenn ich Iwans richtigen  Namen gekannt hätte, hätte ich nicht wissen können, dass er sich später einmal  Ho-Chi-Minh nennen würde.  Ich darf  sagen, dass er mich verehrt hat. Er war zehn Jahre älter als ich. Einmal sind  wir zusammen in die Oper gegangen - Madame Butterfly - und sind Hände haltend  dagesessen. Zwischen Iwan und mir, das war eine Romanze, nicht mehr, obwohl  alle mich hochgenommen haben und gesagt haben, er sei mein Bräutigam. Trotzdem,  wenn ich heute Madame Butterfly höre, denke ich an diese Zeit zurück. Es war  wirklich der berühmte Ho-Chi-Minh gewesen. Erfahren hab ich es viel später  durch einen Journalisten aus Amerika. Ich machte auch noch andere Arbeiten für  die Partei. Gewöhnliche Büroarbeit, Referate abtippen und so. Im Winter wars 35  Grad Kälte draussen, und wir hatten keine Heizung. Als Lenin krank war, und man  Wissenschaftler aus der ganzen Welt hat kommen lassen, waren meine Schwester  und ich auch Protokollführerinnen. Ich stenografierte also, was diese Mediziner  von sich gaben. Habe ich geschwitzt! All diese Fremdwörter. Ich hatte keine  Ahnung. Wenn ich etwas nicht verstand, schrieb ich einfach: der Nerv  Putschiputschi. Dann hat man hernach gesagt, die Eva hat es geschafft,  Kompliziertes auf einen einfachen Nenner zu bringen. Trotz der ernsten  Situation haben wir oft gelacht. Nach Lenins Tod sind die Leute in Russland  gedrückt gewesen. Die GPU, die Geheimpolizei, war sehr stark. Da haben wir mal  ein Fest gefeiert, und da hab ich einem Typen so ein Crème gefülltes Ding an  den Kopf schmeissen wollen und habe ein Leninbild getroffen. Das war etwas  Ungeheures. Man hat mich vor Gericht gebracht. Das muss im Herbst/Winter 1924  gewesen sein. Diese GPU-Leute und diese Ueberkommunisten sind eine ekelhafte  Bande gewesen. Eines Tages sind sie gekommen und haben gesagt, mein Mann habe  Bestechungsgelder von Dornier angenommen. Eine Anschuldigung, die man gegen  jeden vorbringen kann. Aber das war der Grund, weshalb mein Mann verschickt  wurde. Ich war damals an einer Tagung, da hat er mich angerufen und gesagt:  "Beunruhige dich nicht, es ist eine Anklage gegen mich." Gut, ich  beunruhigte mich nicht - mein Mann hatte den Leninorden und die höchsten  Auszeichnungen -, doch als ich nach Hause kam, haben sie mir gesagt, man hätte  meinen Mann abgeholt. Ein halbes Jahr lang habe ich nichts mehr von ihm gehört.  Dann hab ich einen Anruf gekriegt und jemand hat gesagt: Genossin, wenn Sie  Ihren Mann noch sehen wollen - er wird heute abtransportiert nach Solovki.  (Solovki ist eine Insel im Weissen Meer, während 8 Monaten im Jahr durch Eis  und Treibeis vom Festland abgeschnitten.) Nun hatte ich ein Dienstmädchen - ein  rührendes Geschöpf -, das hat zu mir gesagt: Jetzt nehmen wir 3 Flaschen Wodka  mit, und wir werden sehen. Auf dem Bahnhof standen schon die grossen  Abtransportzüge bereit. Ich kam gerade an einem Fenster vorbei, wo mein Mann  hinter der Scheibe stand. Er konnte mir nur noch mitteilen: Zehn Jahre.       Ich versuchte nun alles, etwas gegen  dieses Urteil zu unternehmen. Ich hatte ja meinen Ausweis, mit dem ich  überallhin konnte. Da habe ich gemerkt, wozu Leute fähig sind, um Karriere zu  machen. Der Stellvertreter meines Mannes, der sehr befreundet mit uns war, hat  plötzlich nur noch ein Interesse gehabt: dass mein Mann in Gefangenschaft  bleibt und er seinen Posten bekommt. Ich habe zu ihm gesagt: Du bist also  wirklich die grösste Drecksau, die es gibt. Genau mit diesen Worten.       Das einzige, was ich erreichen konnte, war  die Erlaubnis, meinen Mann zu besuchen. Kem ist der Hafen, von dem die Schiffe  nach Solovki wegfahren. Auf der Reise nach Kem hab ich erfahren, was für ein  Volk die Russen sind. Als der Zug eine Panne hatte, musste man aussteigen. Man  wurde in einem Dorf einquartiert, bei ganz einfachen Menschen. Nie vergesse ich  das. Die lebten zu viert oder fünft in einem Raum. Zimmer waren mit einem  Vorhang abgetrennt, und die Leute, zu denen ich kam,  haben mich empfangen wie wenn ich der liebe  Gotte wäre und mir ihr einziges Bett zur Verfügung gestellt. Nun war ich aber  ein Fremdkörper in diesem Bett. Wanzen und Schwabenkäfer und anderes Ungezifer  haben sich über mich hergemacht. Es war eine Schreckensnacht.       Ich kam nach Kem, und ich kam nach  Solovki. Doch nun ging es darum, eine Besuchsbewilligung vom Gouverneur von  Solovki zu bekommen. Denn selbst wenn man die Bewilligung von Moskau hatte,  konnte sie einem der Gouverneur von Solovki verweigern. Da sagte mir ein  Matrose, es gebe zwei Gouverneure - einen guten und einen, der nie die  Erlaubnis gebe, und er fand für mich heraus, wann der gute Dienst hatte. Ich  ging also zum guten, der jedoch der schlechte war. Als ich den Matrosen auf der  Strasse wieder antraf, sagte er mir voller Schrecken, man hätte mir den  falschen angegeben. Doch habe ich in meinem Leben nie einen väterlicheren  Menschen angetroffen als dieser so genannte schlechte Gouverneur. Ich bin ihm  mit einem solchen Glauben entgegen getreten, dass ich ihn völlig entwaffnet  habe. Ich habe ihm gesagt, ich sei hierher gekommen, um mit meinem Mann zu  reden. Wenn mein Mann etwas angestellt hätte, wäre er so anständig und würde es  sagen, und ich sei der Meinung, dass er nichts gemacht habe. Doch wenn, dann  bitte, würde ich mich von ihm trennen. Der Gouverneur gab mir die Erlaubnis,  mit meinem Mann zu sprechen. Mein Mann und ich durften sogar bei ihm wohnen.  Mein Mann sagte: Es war eine Intrige von der GPU gegen mich, weil ich dich  geheiratet habe, das verzeihen sie mir nie. Hier muss ich anmerken: In Berlin  verkehrte ich zuerst in den Kreisen um George Grosz und Franz Jung und habe  einen Posten bei der Gewerkschaft gehabt. Eines Tages hat mich die GPU nach  Wien kommen lassen, um für sie zu arbeiten. Eingefädelt hatte es meine  Schwester, die mit einem Agenten liiert war. Zuerst machte ich mit, bin dann  aber wieder abgehauen, weil ich merkte, dass es eine brenzlige Sache ist und  weil ich mich über den ungeheuren Geldaufwand der GPU aufgeregt habe.       Mein Mann konnte mir genaue Daten nennen,  die die Intrige beweisen konnten, und ich kehrte voller Hoffnung nach Moskau  zurück. Doch leider bin ich dort auf ziemlich taube Ohren gestossen, weil der  Nachfolger schon seine Günstlinge hatte.       Etwa zwei Jahre später bekam ich nochmals  die Erlaubnis, nach Solovki zu fahren. Aber die deutschen Genossen haben mich  gewarnt. Ich hatte auch ein paar Freunde bei der GPU, die gesagt haben: Eva, du  gehst ein zu grosses Risiko ein, wir können die schützende Hand nicht mehr  allzu lange über dich halten. Die GPU ist gefrässig nach dir. - Beim zweiten  Mal in Solovki habe ich meinem Mann gesagt: Ich kann dir nicht mehr helfen. Und  er hat gesagt: Ich weiss das. Und er fügte hinzu: Wenn du jetzt nach Moskau  zurückkehrst , dann schau, dass du so schnell wie möglich wegkommst. Ausserhalb  von Russland kannst du mehr tun.       Ja, und als ich nach Moskau zurückkam, war  es schon so weit. Da hat mir der Genosse P. einen falschen Pass gegeben - man  findet ja immer jemand, der einem hilft -, und so konnte ich nach Deutschland  zurück.

Ohne Pass und ohne Geld sind Sie ein ganz  armer Teufel.

Das war 1928. Ich ging wieder nach Berlin.  Meine Schwester war zu jener Zeit in China, mit einem führenden Mitglied der  Partei. Sie hatte immer nur "Führer". Sie war ein goldiger Mensch,  aber ein Mann musste Führer sein. In München, während der Räteregierung, war es  Max Levien, und in Moskau hat sie Treu kennen gelernt. Nach dem  China-Aufenthalt ging Treu in die Opposition. Und die übliche Methode in Russland  war: so jemand in ein Krankenhaus zu schicken und ihn dort sterben zu lassen.  So hab ich dann bewerkstelligen müssen, dass meine Schwester und ihr kranker  Mann mit der deutsch-russischen Luftfahrtsgesellschaft nach Berlin kommen  konnten. Wir waren also zu dritt, und da wir alle geflohen waren, waren wir  absolut mittellos. Da hat uns ein Inder bei sich aufgenommen, der ein grosser  Freund von Nehru war und eine Vereinigung namens Anti-imperialistische Liga leitete. Diese Anti-imperialistische Liga hielt gerade ein Konferenz in Brüssel  ab, an der ich teilnahm und dort den jungen Nehru persönlich kennen gelernt  habe. Er hat mir dann geholfen, ein Büro einzurichten: das Indische  Informationsbüro an der Mauerstrasse in Berlin, das  nach dem Reichstagsbrand geräumt wurde.       Lange Zeit führte ich eine Korrespondenz  mit Nehru. Eine Reise nach Indien habe ich nur einmal gemacht, als Touristin,  doch wenn Sie nur kurz nach Indien reisen, ist es eine Enttäuschung. Sie  müssten ein paar Jahre gehen, um das indische Volk kennen zu lernen. Ich wollte  noch einmal, aber das ging dann nicht. Einmal hat mir Nehru mitgeteilt, dass  seine Frau krank sei. Sie hatte Lungenkrebs, und er wollte, dass sie in  Deutschland bei Professor Sauerbruch operiert würde. So habe ich Frau Nehru und  die kleine Indira kennen gelernt. Frau Nehru wurde aber schliesslich nicht von  Sauerbruch operiert, sondern flog nach Amerika, wo man sie bestrahlte. Als der  Professor in Amerika feststellte, dass sein Strahl missglückt war, hat er sie  in den Schwarzwald in ein Sanatorium abgeschoben. Dort hab ich sie besucht.  Auch später in Lausanne, wo sie dann gestorben ist, habe ich sie besucht.  Jessas, was haben wir für schöne Zeiten gehabt. Indira war damals ganz jung,  ein Mädchen, und mit ihr verbindet sich eine tiefe Freundschaft. Ich bin ein  Stück aus ihrem Leben gewesen. In Paris, als ihr Vater sie nicht aus den Augen  liess - Nehru war ein despotischer Vater - bin ich mit ihr abgehauen. Meine  Schwester hatte ihn abgelenkt, und so konnte Indira das Pariser Leben kennen  lernen.       Als der Reichstag brannte, kam also die SA  ins Informationsbüro. Auch in meine Wohnung kamen sie. Glücklicherweise war ich  nicht zu Hause. Alles haben sie mitgenommen. Nur meine Vogelkäfige haben sie  mir gelassen, und meine Affen. Ich war immer noch in der Kommunistischen  Partei.  Nun hatte ich eine Kammer - wenn  man bei der die Tür aufmachte, ist eine Nische geschlossen worden. Dahinter war  unser Vervielfältigungsapparat, mit dem wir die Flugblätter gegen den  Faschismus herstellten. Wenn die den gefunden hätten! Und wenn die meine  Vogelkäfige ausgeräumt hätten, wären wir alle verloren gewesen. Ich hatte unter  dem Sand die Listen der Widerstandskämpfer versteckt gehabt. Dann hab ich den  Nuggelapparat auseinandergenommen und in die Spree geworfen. Schweren Herzens.       Drei Wochen hab ich nachher auf  Zeitungspapier geschlafen. Und der Metzger, der Bäcker - alle haben mich  versorgt, sind rührend gewesen. Und ich musste mich für einen Kollegen des  Informationsbüros einsetzen. Dieser war bei der Haussuchung leider zu Hause  gewesen, und den haben sie verhaftet. Er war Inder mit englischer  Staatsangehörigkeit. Ich wusste, dass er einen Abgeordneten in England kannte,  und da wollte ich dem schreiben. Da ich keine eigene Schreibmaschine mehr hatte  - die haben ja alles mitgenommen-, ging ich aufs Postamt und schrieb mit der  öffentlichen Schreibmaschine diesem Abgeordneten. Plötzlich steht ein Mann  hinter mir: "Um Gottes Willen, Fräulein, Sie spielen ja mit Ihrem  Leben!" Sag ich: "Warum?" - „Ja, wie können Sie, wenn das ein  SA-Mann sieht!" - Sag ich: "Ich muss es riskieren, ihr seid alle  feig." Der Inder ist frei geworden, das heisst, sie haben ihn ausgewiesen.  Ich hatte mich dann wieder etabliert, hatte eine Wohnung, eine Stelle als  Sekretärin, und ich wollte meine Schwester besuchen, die inzwischen in Zürich  lebte. Nun öffnete sich aber an meinem Schreibtisch eine Schublade nicht. Es  war ein altes Pult, das mir eine Jüdin, die fliehen musste, geschenkt hatte.  Und wie ich von meiner Reise aus der Schweiz zurückkomme, konnte ich plötzlich  diese Schublade öffnen. Da muss eine Haussuchung gewesen sein, habe ich  gedacht. Der Hausmeister sagte: "Achja, da sind schon mal zwei so komische  Gestalten gekommen...." Da bin ich zu meinem Chef gegangen. Er war ein Nazi,  aber er mochte mich, und er hat mir gesagt: Hindu (so nannte er mich wegen  meiner Beziehung zu Indien), geh sofort zum Hauptquartier der SS und frag,  warum man bei dir eine Haussuchung gemacht hat. In diesem Hauptquartier ist mir  das erste Mal im Leben das Herz in die Hose gefallen. Es wimmelte von  SS-Leuten, und ich hatte Angst, obwohl mein Chef mir gesagt hatte, er hole mich  da wieder raus. Also: Das Arschloch, das mich verhört hat, hiess Geissler wie  ich. Das ärgert mich heute noch. Hab ich ihm noch gesagt: wir sind hoffentlich  nicht miteinander verwandt - so eine Wut hab ich gehabt. Mein Chef hat mir  gesagt, ich soll aggressiv sein, und ich frag also, wieso man dazu komme, eine  Haussuchung zu machen. "Ja...wir haben Ihre Adresse bekommen." -  "Durch wen?" - "Von einem, den wir verhaftet haben." -  "Wer?" - "L." - "Das glaub ich nicht, dass es L.  war." - "Wir haben schon Methoden, Adressen zu bekommen." Da sag  ich: „Sie werden sich irren, bei mir kriegen Sie keine." In diesem Moment  hat das Telefon geklingelt und mein Chef hat angerufen. "Hier ist  SS-Obersturmführer Dr. Kremer, ist meine Sekretärin noch bei Ihnen? Ja? Wenn  meine Sekretärin nicht sofort in einem Dienstwagen in mein Büro gebracht wird,  werde ich Reichsführer SS Himmler anrufen. Er ist ein Schulkamerad von Fräulein  Geissler und kennt sie sehr gut." Der hat nur noch gestammelt: "Sie  können gehen." Das war ein schöner Augenblick. Mein Chef war  grossartig.Hier muss ich anmerken: Das mit Himmler stimmt. Wir sind in München  im selben Schulhaus zur Schule gegangen. Und ich weiss noch gut, dass ich in  den Pausen Rollschuh mit ihm gelaufen bin. In meiner Berliner-Wohnung an der  Agricolastrasse hatte ich 24 Vögel und meinen Hund, eine Dogge - mein alles.  Und eines Tages, als ich nach Hause kam, hab ich drei schwarze SS-Wagen  gesehen. Da wusste ich, dass sie oben sind. Jemand anders wäre in dieser Lage  vielleicht nicht mehr hoch gegangen. Ich schon. Oben sagt einer der SS-Leute zu  mir: "Haben Sie unsere Autos unten stehen sehen?" - "Ja." -  "Und warum kommen Sie rauf?" - "Weil ich meine Tier nicht im  Stich lasse." Da hat er mir meinen Pass gegeben, den er schon  beschlagnahmt hatte. Den Hund habe ich mitgenommen, die Vögel in eine  Vogelhandlung gebracht, und dann habe ich Deutschland verlassen. Im Jahr 1936  war das.

Ich sage immer: man darf keine Angst  haben. Es gibt in jedem Menschen etwas, das anklingt

Ich ging via Prag in die Schweiz, musste  aber alle drei Monate ausreisen. Ich hatte nur drei Monate Aufenthalt, musste  also alle drei Monate nach Oesterreich ausreisen. Es ist eine furchtbare Sache  gewesen. Da hab ich mir gedacht: jetzt musst du dir einen Schweizer suchen.  Aber das war nicht so einfach. Ich hatte kein Geld, schön war ich auch nicht.  Aber ich hab einen ganz lieben Mann bekommen. Ganz lieb, ganz fein. Und das kam  so. Ich hatte einen Freund in Berlin, der Jude war und dem meine Schwester,  nachdem ich ihn aus Berlin herausgebracht hatte, ein Visum nach Amerika  verschaffen konnte. Als  der Bürgerkrieg  in Spanien ausbrach, kam er zurück, um gegen Franco zu kämpfen. In Spanien hat  er einen Schweizer kennen gelernt, einen Zimmermann,  der ebenfalls gegen Franco kämpfte, und da er  von meinen Schwierigkeiten als Emigrantin wusste, hat er diesen gefragt, ob er  mich heiraten würde. Die Antwort war Ja. Ohne mich im geringsten zu kennen.  Da  haben wir in Paris geheiratet. In der  Schweiz wäre es, weil ich ja keine Papiere hatte, nicht gegangen. Und mein  Mann, der Herr Walter,  war so scheu, dass  er monatelang kein Wort mit mir gesprochen hat. Kaum waren wir in Zürich, bekam  Herr Walter den Stellungsbefehl. Er ging hin, und sie haben ihn gleich behalten  und ihm einen Prozess gemacht. Acht Monate hat er bekommen, die er unverzüglich  absitzen musste. Und drei Jahre Ehrverlust. Alle Spanienkämpfer, die gegen  Franco waren, mussten sitzen. Aber die, die f ü r ihn gekämpft haben, nicht.  Doch was mich gestört hat, war der Ehrverlust. Da hab ich mich hingesetzt und  dem General Guisan einen Brief geschrieben. Ich habe ihm geschrieben: vor dem  Gesetz sind alle gleich. Daraufhin ist der Ehrverlust gestrichen worden.  Immerhin.

Diese Untermenschen-Einstellung der  Menschen ist etwas, das mich verrückt macht.

1948 eröffnete ich den India Store in  Zürich. Damals gab es keine Kleider- oder Schmuckboutiquen. Es gab nichts  dieser Art. Ich hatte nebst Kleidern und Schmuck auch Kunstgegenstände,  Antiquitäten, Thankas, Gebetsmühlen, Räucherstäbchen. Indira Gandhi war bei der  Eröffnung dabei. Ich hatte immer Kontakt mit ihr gehabt. Ich wusste immer, wann  sie in Zürich war, auch inoffiziell. Einmal besuchte ich sie im Hotel Baur au  Lac. Es war Winter. Ich trug einen billigen Mantel und ging barfuss in  Sandalen. Ich begrüsste den Portier und verlangte die Ministerpräsidentin  Indira Gandhi zu sprechen. Der Portier stutzte. Da sagte ich ihm: "Frau  Gandhi ist meine Freundin, melden Sie mich bitte an."  Ich sah ihm an, dass er mich für eine  Verrückte hielt. Da erschien Indira oben auf der Treppe, wir gingen voller  Freude aufeinander zu und umarmten uns. Für mich ist jeder Mensch gleich. Ob er  schwarz ist oder Jude. Welche Religion er hat, ist mir wurscht. Niemand kann  etwas dafür, wo er geboren wurde.       Ich selber bin ja in München geboren und  aufgewachsen. Ich hatte eine wunderbare Mutter. Sie war ihrer Zeit weit voraus  und ihre Kinder waren ihr alles. Sie hatte sieben uneheliche Kinder, als sie  geheiratet hat, und dann hat sie noch neun bekommen. Ich war die jüngste, meine  Schwester Luise die zweitjüngste. Wir mussten die abgetragenen Kleider  anziehen, die schlecht rochen, vor allem die Schuhe. Ich habe es vorgezogen,  keine Schuhe zu tragen, bis ich dreizehn Jahre alt war. Mein Vater war ein  Beamter im Aussenministerium in München und ein Tyrann. Zuerst Berufsmilitär,  dann Staatsdienst. Dann kam der Umsturz, und ein Sozialdemokrat ist Minister  geworden. Das war ein schrecklicher Schlag für meinen Vater. Kurz darauf hat er  sich pensionieren lassen. In die Politik bin ich durch den  erstenWeltkrieg gekommen. Ich war 14, als er ausbrach. Ich habe in einem  Lazarett gearbeitet. Wir hatten solche, die mit dem Bajonett in den Hintern  gestochen wurden. Das war ein brutaler Kampf von Mann zu Mann. Der erste  Weltkrieg war für mich das Schlimmste, viel schlimmer als nachher der zweite,  weil eine Welt in mir zusammenbrach. 14 begann es. 15 war ein Taumel. Wenn die  Verwundeten in offenen Tramwagen gebracht wurden, hat man sie mit Blumen,  Würsten und Schnaps empfangen. Und 1916: nichts mehr. Gegen das Ende habe ich in einer  chemischen Fabrik gearbeitet. Die hatten Mohnpflanzungen, für die man russische  Kriegsgefangene zur Verfügung gestellt hat. Tagsüber haben sie auf den Feldern  gearbeitet, abends sind sie kaserniert worden. Himmeldonnerwetter, wenn ich  daran denke. Die haben nichts zu fressen gehabt. Meine Mutter hat mir heimlich  Kartoffelsalat in Kübeln hingestellt, dass ich denen das geben konnte. Sie war  eine wunderbare Frau. Der Arzt, den wir hatten, der hat zu mir gesagt: „Das  sind ja Untermenschen, die fressen Würmer!“ Da hab ich ihm geantwortet: „Ja,  warum fressen die Würmen? Weil sie Hunger haben, nicht aus Vergnügen!“ Als dann die Räteregierung zusammenbrach,  hat man die Kriegsgefangenen im Münchner Schlachthaus niedergemacht. Darüber  spricht kein Mensch. Aber die Roten hatten zehn Geiseln genommen, und weil die  hingerichtet wurden, hat die ganze Welt, einschliesslich Papst, geschrien.

Die Freunde sagen: Eva, du bist eine Oase  in der Wüste

Vierzig Jahre lang hab ich den India Store  gehabt, von 1948-88. Zuerst am Limmatquai, dann an der Schoffelgasse. In den  letzten Jahren habe ich keinen Profit mehr gemacht. Ich bin mehrmals  überfallen worden. Am Schluss war die Ladentüre zugesperrt und draussen eine  Klingel. Aber ich kam mit vielen Leuten in Kontakt. Hätte ich alleine in  der Wohnung hocken sollen und resignieren? Meine grossen Freundinnen waren die  Huren in der Strasse. Oberklasse. Sehr nette Mädchen. Sie sind die Verachteten,  und der Mann, der zu ihnen geht, ist der feine Herr. Für mich wäre das nie ein  Beruf gewesen. Und doch habe ich mit 82 Jahren das erste Geld auf der Strasse  verdient. Da hat mir ein Freier gesagt: „Die Mädchen da, die sagen, dass Sie so  lieb seien“ und hat mir hundert Franken geschenkt. Wie finden Sie das?       Im Laden an der Schoffelgasse, da sind im  ersten Stock Tauben und Spatzen frei herum geflogen und haben alles  verschissen, aber das war mir wurscht. Ein paar Tauben waren in Käfigen. Eine  Dohle hatte ich und Rani, meinen Hund. Regelmässig ging ich zur Limmat  hinunter, um Tauben zu füttern. Tauben, die krank waren, nahm ich mit nach  Hause und pflegte sie gesund. Einmal hatte ich wegen den Tauben einen Prozess.  Morgens um acht kam die Kriminalpolizei. Ich würde Tauben pflegen, das sei  verboten, ich solle sie ihnen rausgeben. Ich gab sie nicht. Dann musste ich zum  Friedensrichter, aber mein Tierarzt kam mit mir und hat gesagt: „Ich kenne die  Frau Walter seit sie in die Schweiz emigriert ist, und wenn ich ein krankes  Tier habe, und Frau Walter nimmt es, dann bin ich überglücklich.“ Und weiter  hat er gesagt, ich müsse vor Gericht gehen, denn nirgends stehe geschrieben,  dass das Pflegen von kranken Vögeln verboten sei. Am Bezirksgericht sagt der  Bezirksrichter zu mir, eh ich überhaupt meinen Mund aufgemacht habe: „Das muss  ich Ihnen gleich sagen: wir sind da nicht im Dritten Reich, wo man ein freches  Maul haben kann!“ So hat der mich empfangen! Da hab ich dem  Protokollführer gesagt: „Seien Sie so gut und schreiben Sie auf, was der Herr  Bezirksrichter zu mir gesagt hat. Und zu ihm selber sagte ich: „Meine Mutter  hat mir einen guten Rat gegeben: Sag nie, was du denkst, sondern sag immer:  ‚Sie sind aber ein feiner Herr und hier am richtigen Platz.’“ Dann bin ich  wutentbrannt raus. Mein Anwalt sagte mir dann: „Frau Walter, Sie sind eine  Querulantin, lassen Sie das doch sein!“ Sag ich: „Da kennen Sie mich schlecht  und ging wieder zum Bezirksgericht. Einfach so. Und da stand:  ‚Bezirksgerichtspräsident’. Dachte ich, geh ich doch zum Präsidenten. Im  Vorzimmer werde ich gefragt, ob ich angemeldet sei. Nein, aber Sie brauchen  nicht gleich vom Stuhl zu fallen, dass ich unangemeldet komme. Ich hab mir  gesagt: Wenn er den Z. mag, dann bin ich verloren, aber wenn er ihn nicht  mag.... Ich hab mich dann hingestellt und gesagt wie ein Schulmädchen: „Herr  Präsident, ich habe eine pfundige Anklage gegen Herrn Bezirksrichter Z.“ Da hat  er mich vorgelassen. Zuerst sagte er bloss, er werde Z. eine Rüge erteilen,  worauf ich aber keinen Wert legte. - Gut, er wolle sich den Fall ansehen.  Schliesslich habe ich ein Urteil bekommen, dass es begrüssenswert sei, kranke  Vögel zu pflegen. Sie müssen nur an die richtige Stelle kommen       Der Deutschenhass hier, ist etwas ganz  Primitives. Ich hatte zum Beispiel meinen Hund vor der Metzgerei angebunden,  mit dem falschen Halsband, wo die Marke nicht dran war. Kommt ein Polizist. Wem  der Hund gehört? Mir. Die Verkäuferin sagt, sie kenne mich. Ich sag ihm, wo ich  wohne. Ich hätte das Halsband zu Hause, ich sei in zehn Minuten wieder zu  Hause. Dann gehe ich ins Milchgeschäft. Kommt er rein: „So einfach geht das  nicht!“ Ich hab ihm meine genaue Adresse gesagt und er könne mich mal. Kaum bin  ich in der Wohnung, steht er schon draussen und will meine Papiere sehen. Ich  hab ihm meinen Schweizer Pass gegeben, und da hat er gesagt: „Oh,  entschuldigezi, Si sind Schwizeri.“ Da hab ich gesagt: Jetzt können Sie mich  dreimal.       Ein Wirt hat mir gesagt. „Du Sauschwob,  mach dass du mit deinem Hund weiterkommst!“ Hab ich gesagt: „Sie Sauschwizer  können mir gar nichts sagen.“ Hat er die Polizei geholt. „Sie hat ‚Sauschwizer’  zu mir gesagt“, sagt er zum Polizisten. „Ja, das dürfen Sie doch nicht sagen“  sagt der Polizist zu mir. Dann habe ich ihm geantwortet. „Wenn der zu mir  Sauschwob sagt, sag ich Sauschwizer zu ihm.“ Darauf der Polizist: Das sei nicht  das Gleiche. ‚Sauschwob’ sei hier ein gängiger Ausdruck.       Als 1980 die Jungen randalierten - die  meisten Proteste fanden ja im Niederdorf statt - da habe ich gedacht: ich bin  froh, dass ich 80 bin. So komme ich nicht in Versuchung. Ich mag  Gewalttätigkeiten nicht, doch als wir in Berlin gegen Hitler kämpften, haben,  wir uns auch vor die Strassenbahnen geworfen und so.       Kurze Zeit war ich in einem Altersheim,  antroposophisch, wo ich mich bevormundet fühlte. Dann brachte man mich hierher  ins Krankenheim Entlisberg. Das Personal ist lieb. Die Aussicht aus dem Fenster  ist schön.  Zu jeder Mahlzeit krieg ich  ein Gläschen Cognac. Aerztlich verordnet, und hie und da bringt mir ein Besuch  eine Flasche Cognac mit, die ich dann verstecke.. Ich habe AHV und Kriegsrente  von den Deutschen. Ich habe Verwandte, Freunde. Eigene Kinder hatte ich nie.  Ich höre Radio, ich lese Zeitungen. Man sollte nicht so alt werden       Eva Wilhelmine Walter-Geissler starb am  15. April 1991

 

Aufgezeichnet von Martin Hamburger