Bericht für eine Akademie

Verehrte Damen und Herren,  gestatten Sie mir eine Anmerkung.

Im Rückblick auf das letzte Jahr  stellen wir mit einiger Verwunderung fest, dass in Foren und  Mitgliederorganisationen der Akademie die „Früherkennung“ ein viel diskutiertes  Thema darstellt. In der Klimaforschung, in der Gen-Forschung, in den  Untersuchungen zur Biodiversität, in der Alpenforschung. - Früherkennung  scheint zu einem wissenschaftlichen Schlagwort geworden zu sein.       Aber haben Wissenschaftler nicht  seit jeher früh - oder früher als andere - etwas erkannt?

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen: Mein Name ist Kafka. Mein Bericht für eine Akademie erschien, wie  Sie wissen, 1917 und hat grosses Aufsehen erregt. Ich hatte mir erlaubt, in der  Gestalt eines Affen zu den hohen Herren von der Akademie zu sprechen.  Wörtlich habe ich gesagt: „Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas  Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als das meine.“ Ich  habe den Affen von seiner Gefangenschaft im Zoo bis zu seiner Karriere als  Variete-Künstler berichten lassen. Ich möchte es heute, meine Damen und Herren,  kürzer machen und verzichte auf das Affenkostüm. In Anbetracht der Paviane,  Gorillas und Schimpansen des Prager Zoos beschäftigte mich die Frage, inwiefern  unsere Primaten Naturwissenschaftler sind. Im weitesten Sinne sind sie es. Sie  sind nicht nur lernfähig, sondern auch lehrfähig. Die Elterntiere der  Schimpansen bringen den Jungen manuelle Fertigkeiten bei, wie das Fangen von  Termiten mit einem Stecken. Schimpansenkinder, welche die Schule schwänzen,  wissen nicht, wie man Termiten fängt. Die Termiten-Fang-Technik ist also nicht  instinktiv wie die Mücken-Fang-Technik der Schwalben.       Doch will ich Sie nicht mit Dingen  aufhalten, die allgemein bekannt sind. - Die Frage lautet vielmehr:       Können Affen hoffen???        Ist die Evolution eine Hoffnung?       Die Früherkennung des aufrechten  Gangs?       Angenommen, es gibt den Planeten  Erde in 5 Millionen Jahren noch, und angenommen, es gibt darauf noch eine  Biosphäre - gibt es da den Homo sapiens noch? Wenn ja, wird er sich anatomisch  von uns heutigen Menschen unterscheiden? In dem Masse wie wir uns vom  Neandertaler unterscheiden? Der Homo sapiens hätte sich dann zum Homo kalkulens  entwickelt, zu einem Menschen, der von Natur aus rechnen kann, zu einem  biologischen Rechner.

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen: Mein Name ist Brecht. Astronomischer Mitarbeiter am Himmelszelt  des Berliner Theaters. In meinem Theaterstück „Das Leben des Galilei“ ging es  um die Früherkennung der Bewegung des Erdballs. Was wäre gewesen, wenn Galilei  seine Erkenntnisse für sich behalten hätte? Er hätte ein gemütlicheres Leben  gehabt. Wir lassen uns noch heute täuschen, wenn wir in einem still stehenden  Zug sitzen und sich der Zug auf dem Nebengleis in Bewegung setzt. Galilei hat  niemanden beleidigen wollen. Er wollte Kenntnisse verbreiten, berichten, was er  beobachtet hat.

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen. Mein Name ist Dürrenmatt. Die Früherkennung der Apokalypse ist  mein Thema. Die Physiker in meinem Stück „Die Physiker“ haben darauf  verzichtet, ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen und hatten ein gemütliches  Leben in einer Irrenanstalt. Bis man ihnen auf die Schliche kam.       Am besten machte es Sokrates. Sokrates  verstand vor allem etwas: sich selber zu sein. Eine Fähigkeit, welche die  wenigsten Männer besitzen. Zuerst sind sie Kinder, dann werden sie Männer, und  wenn sie Männer geworden sind, werden sie Politiker, Feldherren, Dichter,  Helden oder Wisschenschfter - nur nicht sich selber. Sie sind keine Männer mehr,  sie spielen Männer. Sokrates blieb Sokrates. Er wusste, dass er nichts wusste,  und darum fragte er einen jeden, was er wisse. Er fragte Handwerker,  Philosophen, Astronomen, Politiker; er fragte und fragte, bis niemand mehr eine  Antwort wusste, so dass er immer wieder vor dem ungeheuren Meer des  Nichtwissens stand, worin alle Fragen münden und wo es unsinnig ist, weiter zu  fragen. Denn je mehr man zu wissen glaubt, desto unermesslicher wird dieses  Meer. Sokrates war überzeugt, Unrecht zu erleiden sei besser als Unrecht zu  tun. Darum tat er nichts. Er war von einer göttlichen Faulheit. Sein war ihm  alles. Wissen nichts.       Ich plädiere für eine Wissenschaft  im Off.       Ich plädiere für die Hoffenschaft.

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen. Mein Name ist Jandl. Zu meinen Verdiensten gehört die  Früherkennung der modernen experimentellen Lyrik. In den Sechzigerjahren des  20. Jh. begann ich Sprechgedichte und Lautgedichte zu veröffentlichen und habe  diese mit Vorliebe selber vorgetragen. Bestiarium:

au       eise       raus       weh       zelle       liege       geh       liege       geh       liege       geh       ecke       liege       geh       ecke       liege       rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr       ops ops       s------c---------h       pfau       au       pfau       au       pfau       au       rrrrrrrrrrrrrr       ameise       eise       ameise       eise       ameise       au       libelle       belle       libelle       belle       libelle       belle       s-------c------h       fliege       liege       geh       fliege       liege       geh       liege       geh       liege       geh !       zelle       gazelle       gazelle       gazelle       liege       geh       liege       geh       ameise!       fliege       pfau!       belle       fliege!       au       belle       gazelle!       fliege       gazelle!       zelle       zelle       gazelle       geh       liege       geh       rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr       bär       rrrrrrrrrrrr       bär       rrrrrrrrrrrr       bär       rrrrrrrrrrrr       bär       rrrrrrrrrrrr       ameise       eise       zelle       gazelle       libelle       belle       fliege       liege       geh!

ecke       ameise       ecke       schnecke       zelle       gazelle       ecke       schnecke       au       pfau       rrrrrrrrrrrrrrrrr       hirsch       s--------c----------h       goldfisch       s--------c----------h       löwe       weh       löwe       weh       löwe       weh       goldfisch       au       kalb       b       kalb       b b       kalb       s--------c-----------h       ameise       eise       libelle       belle       wurm       rrrm       wurm       rrrm       wurm       rrrm       kalb       b b       schnecke       necke       mops       ops ops       löwe       ops ops       löwe       weh       bär       rrrrr       bär       rrr       ops ops       hirsch       au       ameise       eise       mops       ops ops       elch       ch ch ch       löwe       ch ch ch       goldfisch       b       kalb       b b       o o       floh       o o o       floh       o       pfau       au       ameise       eise       libelle       belle       fliege       liege       geh       gazelle      zelle     bär       rrr       schnecke       ecke       necke       hirsch       s-------c--------h       goldfisch       s-------c--------h       löwe       eeeeeeeeeeeee       wurm       mmmmmmm       mops       ssssssssssssss       elch       ch ch ch ch  ch ch

ooooooooooo    rrrm     rrrm    strauss     raus     aus     maus     b b

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen. Mein Name ist Martin Hamburger. Ich hatte den höchst angenehmen  Auftrag, Sie an das hundertjährige Jubiläum des Senats zu erinnern. Ich danke  Ihnen, dass Sie sich haben stören lassen.

13.5.05       Copyright by       Martin Hamburger, Zürich

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