DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK

von Martin Hamburger

Ich hätte für die DDR gekämpft, ich hätte  mich für die DDR geopfert. Ich hätte meine schweizerische Staatsbürgerschaft  aufgegeben, um Bürger der DDR zu werden. Ich hätte eine politische Laufbahn  eingeschlagen, noch mit 38 Jahren, und vielleicht wäre ich unversehens an die  Macht gekommen, so wie Angela Merkel, die nur drei Jahre jünger ist als ich, wie  aus dem Nichts Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland geworden ist. Aber  leider ist nicht alles so gelaufen, wie ich es mir gedacht hatte.

1977. Ich bin zum ersten Mal in der DDR, das  heisst nur in Ostberlin, mit einem Tagesvisum von Westberlin aus. Es ist  Sommer. Ich sitze auf einer Parkbank und strecke und räkle mich, denn ich bin  von der Stadtführung müde geworden. Da setzen sich zwei Studenten zu mir und  machen mir ein Angebot. Ich soll ihnen meine verwaschenen Bluejeans geben und  dafür von ihnen andere Jeans bekommen, fabrikneue DDR-Jeans, sogar zwei Paare,  wenn ich wolle. Die Marke, die ich trage, sei super und nur im Westen zu  bekommen, sie hätten von Jeans, wie ich sie trage, schon lange geträumt. Ich  bin ein Modeverächter und sage ihnen, dass mir Kleider und insbesondere  Markennamen völlig schnuppe seien. „Was wollt ihr mit dem amerikanischen Scheiss?“  frage ich. Den Studenten bleibt die Spucke weg. Aber ich willige ein und lasse  mitten in Ostberlin meine Hosen runter, um Westjeans gegen Ostjeans zu tauschen  (zufällig passen mir die neuen), und bin stolz, mit Menschen aus einem  sozialistischen Land gesprochen zu haben. Es ist ein flüchtiger, dafür fast  körperlicher Kontakt mit Menschen aus der DDR gewesen.

1986. Ich darf am internationalen  Poesiefestival in Struga (Jugoslawien) teilnehmen. Zweihundert Dichter und  Dichterinnen aus siebzig Ländern sind gekommen. Am Rande dieses Festivals mache  ich meine zweite Erfahrung mit der DDR. Es gibt genügend freie Zeit für die  Dichter, um persönliche Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, und so kommt es,  dass eines späten Abends ein paar zusammensitzen und sich für den nächsten Tag  verabreden, um einen gemeinsamen Spaziergang zu unternehmen. Ein Luxemburger,  eine Kubanerin, ein Westdeutscher, ein Amerikaner, eine Ostdeutsche und ich,  der Schweizer. Die Verabredung lautet: Vormittags um 10 Uhr in dem und dem  Hotel. Am nächsten Tag sind es zwei, die sich an die Verabredung halten: die  Frau aus der DDR und der Mann aus der Schweiz. A. kommt pünktlich zur Tür  herein wie ich, und es scheint, dass uns Pünktlichkeit (Pünktlichkeit auf die  Minute genau) eine Selbstverständlichkeit ist. Die andern kommen wohl später,  denken wir, doch die andern kommen überhaupt nicht. Eine Stunde haben wir  gewartet, dann sind wir ohne die andern spazieren gegangen. Haben die andern  verschlafen? Es vergessen? Haben sie Ort und Zeit nicht richtig notiert? Haben  sie keine Lust mehr gehabt? Haben sie die Verabredung nicht ernst genommen?  Warum haben sie im Hotel nicht angerufen? Wir stellen fest, meine Kollegin aus  der DDR und ich, dass die graue DDR und die kleine Schweiz ihre Menschen  geprägt haben. In diesen so unterschiedlichen Ländern sind die Menschen  ähnlicher als man es wahrhaben will: ehrlich, zuverlässig, fleissig, pünktlich.

1987. Beim Schriftstellerverband bin ich inzwischen als  DDR-Kenner (oder -Freund) bekannt, und ich werde beauftragt den  DDR-Schriftsteller P. auf seinem Besuch in Zürich zu betreuen. P. schreibt an  einem Roman über Büchner, und Büchners Lebenslauf führt unweigerlich nach  Zürich. Georg Büchners Zürich ist der Grund für P.s Ausreisebewilligung gewesen.  Meine Betreuung besteht darin, P. Gesellschaft zu leisten und ihm ein paar  Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Aber eigentlich schmieden wir Pläne. Er will mich  zu sich nach Arnstadt einladen und für mich eine Lesung organisieren.

1989. Die Lesung soll am 8. Dezember stattfinden. Ich habe  das Visum bereits im Frühjahr bei der DDR-Botschaft in Bern beantragt, Ende  Sommer mit einem Telefonanruf reklamiert und schliesslich rechtzeitig erhalten.  (Das kurze Telefongespräch mit der Botschaft, ob das Visum in Ordnung gehe, ist  ein Fehler gewesen, denn der schweizerische Geheimdienst hat mitgehört, was ich  später in meinen Fichen nachgelesen habe.) Und als ich nach Arnstadt reise,  gibt es die DDR gar nicht mehr. Jedenfalls nicht so, wie ich sie mir  vorgestellt habe. Die Mauer ist gefallen und im ganzen Land herrscht ein  heilvolles Chaos. Aus der geplanten Lesung in Arnstadt ist eine  Kabarett-Tournee geworden. Ich spiele auch in Gera, wo ich Kollegin A. wieder treffe.  Ich werde in Schulen geladen, um zu diskutieren, und ich bin an der letzten  grossen Montagsdemonstration in Leipzig dabei, wo jeder mit einer Kerze in der  Hand durch die Innenstadt geht, um schweigend den Stasi-Opfern der letzten  Jahre zu gedenken. Ich spreche mit vielen Menschen aus allen  Gesellschaftsschichten, und obwohl niemand mehr ein Blatt vor den Mund zu  nehmen braucht, ist niemand für eine Wiedervereinigung. Alle wollen eine neue,  freie, sozialistische DDR. Neues  Deutschland erscheint nicht mehr als Zentralorgan  der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, sondern als sozialistische Tageszeitung. Ich  entschliesse mich, am Aufbau einer neuen DDR mitzuhelfen. Es ist eine windige  Nacht, die Kerzen flackern. Auch Angela Merkel befindet sich in dieser  Menschenmenge, schützt mit der einen Hand die Flamme ihrer Kerze. Auch sie  fasst einen Entschluss. Sie will aufhören, die Geschwindigkeitskonstanten von  Elementarreaktionen (Titel ihrer Promotion) zu berechnen und endgültig in die  Politik einsteigen.