Einige Textbeispiele aus der Feder von Martin Hamburger


reformiert. Evangelisch reformierte Zeitung für die deutsche und rätoromanische Schweiz. September 2013

Glauben und Zweifeln                  

Am Ende der Primarschule, in der letzten Religionsstunde, als sich der evangelische Diakon mit einem Schlusswort von der Klasse verabschiedete, sagte er, bevor alle aufstanden und hinausrannten: „Martin, du bleibst da, dir möchte ich noch was sagen.“ Ich sei ihm in den vergangenen Jahren positiv aufgefallen, sagte er. Keiner sei so dabei gewesen im Unterricht, keiner habe so mitgemacht wie ich. Ich war schockiert. Ich ein Musterschüler?

Das habe ich nie sein wollen, in keinem Schulfach. Dann legte er die Hand auf meinen Nacken und sagte, ich solle ein Jünger Jesu werden. Ein Jünger Jesu, wie wird man das, wollte ich fragen, aber ich brachte kein Wort heraus.

Von zu Hause aus wurde ich nicht besonders religiös erzogen. Mein Vater, der jüdischer Abstammung war, offiziell konfessionslos, beschäftige sich nicht mit Glaubensfragen. Mein Bruder war ähnlich. Mein Grossvater mütterlicherseits war hingegen ein eifriger Protestant, der auf Spaziergängen Reden, um nicht zu sagen Predigten hielt, die sich häufig gegen den Papst richteten.

Ein Jünger Jesu, wie wird man das?

Ein Jünger Jesu, überlegte ich, das bedeutet wahrscheinlich, voll und ganz hinter diesem Jesus zu stehen bis zu seinem Tod und daran zu glauben, dass er auferstanden ist. Einer der Jünger, Thomas, tat sich schwer, dies zu glauben, und Jesus soll ihn aufgefordert haben, den Finger in seine Wundmale zu legen. Die Wundertaten konnte sich der Zweifelnde noch erklären, je nach dem, wie er sie interpretierte, aber Jesus selber? Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt sagt in einem Videointerview, das ich erst kürzlich in einer Ausstellung sah: „Ich kann nicht glauben, was mir nicht einleuchtet.“

Vor der Konfirmation sagte ich zum Pfarrer, dass, wenn man es genau nähme, ich nicht konfirmiert werden könne, denn ich könne nicht wirklich glauben, dass Jesus Gott und Mensch zugleich gewesen sei. Für mich sei das nur symbolisch. Der Pfarrer war ein hochgewachsener, sportlicher, Mann, der, wenn er lächelte, eine starke Ausstrahlung hatte. Also lächelte er und meinte, als wäre mein Problem nicht wirklich ernst zu nehmen: „Das kommt dann schon.“ Ich mag Rituale und liess mich konfirmieren.

Mit 23 erlitt ich beim Akrobatiktraining einen Unfall. Ich lag verletzt im Spital. Bei der Notoperation wusste man nicht, ob ich überleben würde, doch nach ein paar Monaten ging es mir wieder gut. Seither fällt es mir leichter an Wunder zu glauben. Zu Gott beten ist selbstverständlich. Dankbar sein, im Alltag und Gott gegenüber, gibt mir Kraft.

Mit 52 lernte ich meine Frau kennen. Sie ist gläubige Katholikin. Wunder sind für sie etwas Zentrales und Allgegenwärtiges. Gott und Gottes Sohn und der heilige Geist gehören für sie zusammen. Manchmal begleite ich sie in die Messe, bin fasziniert von der Liturgie, fühle mich aber als Aussenstehender. Ich möchte mich bekreuzigen können, nicht nur äusserlich, was ich meistens tue, um nicht aufzufallen, sondern echt. Ich wundere mich über das Wunder des Abendmahls, stelle mich aber nicht in die Reihe und falle auf. Ich bin noch immer kein Jünger Jesu geworden, und wenn doch, dann wäre ich ein Jünger, der zweifelt.

Martin Hamburger

 


Das Leben von Eva Wilhelmine  Walter-Geissler  (1900-1991)

Wissen Sie, meine Geschichte klingt sehr  unwahrscheinlich, aber sie ist wirklich wahr

Ich hatte einen ganz grossen Posten in der  kommunistischen Partei. Ich besass ein Passepartout für den Kremel, mit dem ich  zu jedem gehen konnte. Ich war 23 Jahre alt und die Frau des Luftwaffenchefs,  den ich ein Jahr zuvor als Angestellte der russischen Handelsvertretung in  Berlin  kennengelernt hatte. Kommunistin  war ich schon immer gewesen. Ich gehörte dem Spartakusbund in München an, seit  1918, war also eines der ersten Mitglieder der Revolution und wurde, als alles  zusammenbrach - ach, war das traurig -, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt,  fast vier Monate lang. Das war ziemlich schlimm, als 18jähriges Mädchen im  Knast zu sein. Auch meine ältere Schwester haben sie erwischt. Sie war frisch  verheiratet, da kam ihr Mann in die Besuchsstunde - mit weisser Weste und  Spazierstock - und hat verkündet, dass er sich scheiden lassen wolle. Er war  Schweizer. Wir haben ihm das damals sehr übel genommen. Heute kann ich es  verstehen: Ein angesehener Mann und zwei Weiber im Gefängnis - kahlgeschoren  wegen der Läuse.       Meine Schwester hat mir immer geholfen.  Sie war viel attraktiver als ich, ein aussergewöhnlicher, leidenschaftlicher  Mensch. Auch sie war in Moskau, auch sie hatte eine gute Stellung und natürlich  einen Mann.       Ich arbeitete an den Sitzungen als  Uebersetzerin. Russisch konnte ich  seit  ich im ersten Weltkrieg  die russischen  Kriegsgefangenen betreuen musste. Bei jeder Sitzung war ich dabei. Es waren  Sitzungen der deutschen Delegation vom Zentralkomitee der Partei und von der  kommunistischen Internationalen, also der Komintern.       Meine Schwester und ich sind nach Moskau  gekommen mit einer eigenartigen Voreingenommenheit gegen Lenin. Wir haben  gedacht, dass ein Mensch, der wie ein Gott verehrt wird, unnahbar und kalt sei.  Aber er war das Gegenteil: so einen schlichten und wunderbaren Menschen habe  ich unter den ganzen Politikern nicht gekannt. Lenin war wirklich ein Mann, der  ganz einfach war, und wir waren hingerissen von ihm, vom ersten Moment an.       An den Sitzungen war Lenin schon nicht  mehr dabei. Er war ein schwer kranker Mann. Aber ich habe ihn noch vor der  Krankheit gekannt, und auch seine Frau, die Krupskaja, die die hässlichste Frau  war, die ich je gesehen habe, mit hevorquellenden Augen, doch war sie ein so  wunderbarer Mensch wie er. Lenin hatte zwar allerdings eine Geliebte, wie alle  Männer. Eine Kämpferin soll sie gewesen sein. Ich habe sie nie gesehen, doch  sie kommt in jeder Biografie vor. Mich hat das nicht gestört.       Als Mitglied der deutschen Delegation  hatte ich drei Büroräume zur Verfügung. Und ich habe mich schrecklich geärgert,  dass Katjana von der japanischen Partei und Iwan, ein Vertreter aus Indochina,  zwei Zimmer miteinander teilen sollten, so  hab ich denen einen Raum abgegeben. Alle hatten Uebernamen, und man wusste  nicht, wie die Leute wirklich hiessen. Aber auch, wenn ich Iwans richtigen  Namen gekannt hätte, hätte ich nicht wissen können, dass er sich später einmal  Ho-Chi-Minh nennen würde.  Ich darf  sagen, dass er mich verehrt hat. Er war zehn Jahre älter als ich. Einmal sind  wir zusammen in die Oper gegangen - Madame Butterfly - und sind Hände haltend  dagesessen. Zwischen Iwan und mir, das war eine Romanze, nicht mehr, obwohl  alle mich hochgenommen haben und gesagt haben, er sei mein Bräutigam. Trotzdem,  wenn ich heute Madame Butterfly höre, denke ich an diese Zeit zurück. Es war  wirklich der berühmte Ho-Chi-Minh gewesen. Erfahren hab ich es viel später  durch einen Journalisten aus Amerika. Ich machte auch noch andere Arbeiten für  die Partei. Gewöhnliche Büroarbeit, Referate abtippen und so. Im Winter wars 35  Grad Kälte draussen, und wir hatten keine Heizung. Als Lenin krank war, und man  Wissenschaftler aus der ganzen Welt hat kommen lassen, waren meine Schwester  und ich auch Protokollführerinnen. Ich stenografierte also, was diese Mediziner  von sich gaben. Habe ich geschwitzt! All diese Fremdwörter. Ich hatte keine  Ahnung. Wenn ich etwas nicht verstand, schrieb ich einfach: der Nerv  Putschiputschi. Dann hat man hernach gesagt, die Eva hat es geschafft,  Kompliziertes auf einen einfachen Nenner zu bringen. Trotz der ernsten  Situation haben wir oft gelacht. Nach Lenins Tod sind die Leute in Russland  gedrückt gewesen. Die GPU, die Geheimpolizei, war sehr stark. Da haben wir mal  ein Fest gefeiert, und da hab ich einem Typen so ein Crème gefülltes Ding an  den Kopf schmeissen wollen und habe ein Leninbild getroffen. Das war etwas  Ungeheures. Man hat mich vor Gericht gebracht. Das muss im Herbst/Winter 1924  gewesen sein. Diese GPU-Leute und diese Ueberkommunisten sind eine ekelhafte  Bande gewesen. Eines Tages sind sie gekommen und haben gesagt, mein Mann habe  Bestechungsgelder von Dornier angenommen. Eine Anschuldigung, die man gegen  jeden vorbringen kann. Aber das war der Grund, weshalb mein Mann verschickt  wurde. Ich war damals an einer Tagung, da hat er mich angerufen und gesagt:  "Beunruhige dich nicht, es ist eine Anklage gegen mich." Gut, ich  beunruhigte mich nicht - mein Mann hatte den Leninorden und die höchsten  Auszeichnungen -, doch als ich nach Hause kam, haben sie mir gesagt, man hätte  meinen Mann abgeholt. Ein halbes Jahr lang habe ich nichts mehr von ihm gehört.  Dann hab ich einen Anruf gekriegt und jemand hat gesagt: Genossin, wenn Sie  Ihren Mann noch sehen wollen - er wird heute abtransportiert nach Solovki.  (Solovki ist eine Insel im Weissen Meer, während 8 Monaten im Jahr durch Eis  und Treibeis vom Festland abgeschnitten.) Nun hatte ich ein Dienstmädchen - ein  rührendes Geschöpf -, das hat zu mir gesagt: Jetzt nehmen wir 3 Flaschen Wodka  mit, und wir werden sehen. Auf dem Bahnhof standen schon die grossen  Abtransportzüge bereit. Ich kam gerade an einem Fenster vorbei, wo mein Mann  hinter der Scheibe stand. Er konnte mir nur noch mitteilen: Zehn Jahre.       Ich versuchte nun alles, etwas gegen  dieses Urteil zu unternehmen. Ich hatte ja meinen Ausweis, mit dem ich  überallhin konnte. Da habe ich gemerkt, wozu Leute fähig sind, um Karriere zu  machen. Der Stellvertreter meines Mannes, der sehr befreundet mit uns war, hat  plötzlich nur noch ein Interesse gehabt: dass mein Mann in Gefangenschaft  bleibt und er seinen Posten bekommt. Ich habe zu ihm gesagt: Du bist also  wirklich die grösste Drecksau, die es gibt. Genau mit diesen Worten.       Das einzige, was ich erreichen konnte, war  die Erlaubnis, meinen Mann zu besuchen. Kem ist der Hafen, von dem die Schiffe  nach Solovki wegfahren. Auf der Reise nach Kem hab ich erfahren, was für ein  Volk die Russen sind. Als der Zug eine Panne hatte, musste man aussteigen. Man  wurde in einem Dorf einquartiert, bei ganz einfachen Menschen. Nie vergesse ich  das. Die lebten zu viert oder fünft in einem Raum. Zimmer waren mit einem  Vorhang abgetrennt, und die Leute, zu denen ich kam,  haben mich empfangen wie wenn ich der liebe  Gotte wäre und mir ihr einziges Bett zur Verfügung gestellt. Nun war ich aber  ein Fremdkörper in diesem Bett. Wanzen und Schwabenkäfer und anderes Ungezifer  haben sich über mich hergemacht. Es war eine Schreckensnacht.       Ich kam nach Kem, und ich kam nach  Solovki. Doch nun ging es darum, eine Besuchsbewilligung vom Gouverneur von  Solovki zu bekommen. Denn selbst wenn man die Bewilligung von Moskau hatte,  konnte sie einem der Gouverneur von Solovki verweigern. Da sagte mir ein  Matrose, es gebe zwei Gouverneure - einen guten und einen, der nie die  Erlaubnis gebe, und er fand für mich heraus, wann der gute Dienst hatte. Ich  ging also zum guten, der jedoch der schlechte war. Als ich den Matrosen auf der  Strasse wieder antraf, sagte er mir voller Schrecken, man hätte mir den  falschen angegeben. Doch habe ich in meinem Leben nie einen väterlicheren  Menschen angetroffen als dieser so genannte schlechte Gouverneur. Ich bin ihm  mit einem solchen Glauben entgegen getreten, dass ich ihn völlig entwaffnet  habe. Ich habe ihm gesagt, ich sei hierher gekommen, um mit meinem Mann zu  reden. Wenn mein Mann etwas angestellt hätte, wäre er so anständig und würde es  sagen, und ich sei der Meinung, dass er nichts gemacht habe. Doch wenn, dann  bitte, würde ich mich von ihm trennen. Der Gouverneur gab mir die Erlaubnis,  mit meinem Mann zu sprechen. Mein Mann und ich durften sogar bei ihm wohnen.  Mein Mann sagte: Es war eine Intrige von der GPU gegen mich, weil ich dich  geheiratet habe, das verzeihen sie mir nie. Hier muss ich anmerken: In Berlin  verkehrte ich zuerst in den Kreisen um George Grosz und Franz Jung und habe  einen Posten bei der Gewerkschaft gehabt. Eines Tages hat mich die GPU nach  Wien kommen lassen, um für sie zu arbeiten. Eingefädelt hatte es meine  Schwester, die mit einem Agenten liiert war. Zuerst machte ich mit, bin dann  aber wieder abgehauen, weil ich merkte, dass es eine brenzlige Sache ist und  weil ich mich über den ungeheuren Geldaufwand der GPU aufgeregt habe.       Mein Mann konnte mir genaue Daten nennen,  die die Intrige beweisen konnten, und ich kehrte voller Hoffnung nach Moskau  zurück. Doch leider bin ich dort auf ziemlich taube Ohren gestossen, weil der  Nachfolger schon seine Günstlinge hatte.       Etwa zwei Jahre später bekam ich nochmals  die Erlaubnis, nach Solovki zu fahren. Aber die deutschen Genossen haben mich  gewarnt. Ich hatte auch ein paar Freunde bei der GPU, die gesagt haben: Eva, du  gehst ein zu grosses Risiko ein, wir können die schützende Hand nicht mehr  allzu lange über dich halten. Die GPU ist gefrässig nach dir. - Beim zweiten  Mal in Solovki habe ich meinem Mann gesagt: Ich kann dir nicht mehr helfen. Und  er hat gesagt: Ich weiss das. Und er fügte hinzu: Wenn du jetzt nach Moskau  zurückkehrst , dann schau, dass du so schnell wie möglich wegkommst. Ausserhalb  von Russland kannst du mehr tun.       Ja, und als ich nach Moskau zurückkam, war  es schon so weit. Da hat mir der Genosse P. einen falschen Pass gegeben - man  findet ja immer jemand, der einem hilft -, und so konnte ich nach Deutschland  zurück.

Ohne Pass und ohne Geld sind Sie ein ganz  armer Teufel.

Das war 1928. Ich ging wieder nach Berlin.  Meine Schwester war zu jener Zeit in China, mit einem führenden Mitglied der  Partei. Sie hatte immer nur "Führer". Sie war ein goldiger Mensch,  aber ein Mann musste Führer sein. In München, während der Räteregierung, war es  Max Levien, und in Moskau hat sie Treu kennen gelernt. Nach dem  China-Aufenthalt ging Treu in die Opposition. Und die übliche Methode in Russland  war: so jemand in ein Krankenhaus zu schicken und ihn dort sterben zu lassen.  So hab ich dann bewerkstelligen müssen, dass meine Schwester und ihr kranker  Mann mit der deutsch-russischen Luftfahrtsgesellschaft nach Berlin kommen  konnten. Wir waren also zu dritt, und da wir alle geflohen waren, waren wir  absolut mittellos. Da hat uns ein Inder bei sich aufgenommen, der ein grosser  Freund von Nehru war und eine Vereinigung namens Anti-imperialistische Liga leitete. Diese Anti-imperialistische Liga hielt gerade ein Konferenz in Brüssel  ab, an der ich teilnahm und dort den jungen Nehru persönlich kennen gelernt  habe. Er hat mir dann geholfen, ein Büro einzurichten: das Indische  Informationsbüro an der Mauerstrasse in Berlin, das  nach dem Reichstagsbrand geräumt wurde.       Lange Zeit führte ich eine Korrespondenz  mit Nehru. Eine Reise nach Indien habe ich nur einmal gemacht, als Touristin,  doch wenn Sie nur kurz nach Indien reisen, ist es eine Enttäuschung. Sie  müssten ein paar Jahre gehen, um das indische Volk kennen zu lernen. Ich wollte  noch einmal, aber das ging dann nicht. Einmal hat mir Nehru mitgeteilt, dass  seine Frau krank sei. Sie hatte Lungenkrebs, und er wollte, dass sie in  Deutschland bei Professor Sauerbruch operiert würde. So habe ich Frau Nehru und  die kleine Indira kennen gelernt. Frau Nehru wurde aber schliesslich nicht von  Sauerbruch operiert, sondern flog nach Amerika, wo man sie bestrahlte. Als der  Professor in Amerika feststellte, dass sein Strahl missglückt war, hat er sie  in den Schwarzwald in ein Sanatorium abgeschoben. Dort hab ich sie besucht.  Auch später in Lausanne, wo sie dann gestorben ist, habe ich sie besucht.  Jessas, was haben wir für schöne Zeiten gehabt. Indira war damals ganz jung,  ein Mädchen, und mit ihr verbindet sich eine tiefe Freundschaft. Ich bin ein  Stück aus ihrem Leben gewesen. In Paris, als ihr Vater sie nicht aus den Augen  liess - Nehru war ein despotischer Vater - bin ich mit ihr abgehauen. Meine  Schwester hatte ihn abgelenkt, und so konnte Indira das Pariser Leben kennen  lernen.       Als der Reichstag brannte, kam also die SA  ins Informationsbüro. Auch in meine Wohnung kamen sie. Glücklicherweise war ich  nicht zu Hause. Alles haben sie mitgenommen. Nur meine Vogelkäfige haben sie  mir gelassen, und meine Affen. Ich war immer noch in der Kommunistischen  Partei.  Nun hatte ich eine Kammer - wenn  man bei der die Tür aufmachte, ist eine Nische geschlossen worden. Dahinter war  unser Vervielfältigungsapparat, mit dem wir die Flugblätter gegen den  Faschismus herstellten. Wenn die den gefunden hätten! Und wenn die meine  Vogelkäfige ausgeräumt hätten, wären wir alle verloren gewesen. Ich hatte unter  dem Sand die Listen der Widerstandskämpfer versteckt gehabt. Dann hab ich den  Nuggelapparat auseinandergenommen und in die Spree geworfen. Schweren Herzens.       Drei Wochen hab ich nachher auf  Zeitungspapier geschlafen. Und der Metzger, der Bäcker - alle haben mich  versorgt, sind rührend gewesen. Und ich musste mich für einen Kollegen des  Informationsbüros einsetzen. Dieser war bei der Haussuchung leider zu Hause  gewesen, und den haben sie verhaftet. Er war Inder mit englischer  Staatsangehörigkeit. Ich wusste, dass er einen Abgeordneten in England kannte,  und da wollte ich dem schreiben. Da ich keine eigene Schreibmaschine mehr hatte  - die haben ja alles mitgenommen-, ging ich aufs Postamt und schrieb mit der  öffentlichen Schreibmaschine diesem Abgeordneten. Plötzlich steht ein Mann  hinter mir: "Um Gottes Willen, Fräulein, Sie spielen ja mit Ihrem  Leben!" Sag ich: "Warum?" - „Ja, wie können Sie, wenn das ein  SA-Mann sieht!" - Sag ich: "Ich muss es riskieren, ihr seid alle  feig." Der Inder ist frei geworden, das heisst, sie haben ihn ausgewiesen.  Ich hatte mich dann wieder etabliert, hatte eine Wohnung, eine Stelle als  Sekretärin, und ich wollte meine Schwester besuchen, die inzwischen in Zürich  lebte. Nun öffnete sich aber an meinem Schreibtisch eine Schublade nicht. Es  war ein altes Pult, das mir eine Jüdin, die fliehen musste, geschenkt hatte.  Und wie ich von meiner Reise aus der Schweiz zurückkomme, konnte ich plötzlich  diese Schublade öffnen. Da muss eine Haussuchung gewesen sein, habe ich  gedacht. Der Hausmeister sagte: "Achja, da sind schon mal zwei so komische  Gestalten gekommen...." Da bin ich zu meinem Chef gegangen. Er war ein Nazi,  aber er mochte mich, und er hat mir gesagt: Hindu (so nannte er mich wegen  meiner Beziehung zu Indien), geh sofort zum Hauptquartier der SS und frag,  warum man bei dir eine Haussuchung gemacht hat. In diesem Hauptquartier ist mir  das erste Mal im Leben das Herz in die Hose gefallen. Es wimmelte von  SS-Leuten, und ich hatte Angst, obwohl mein Chef mir gesagt hatte, er hole mich  da wieder raus. Also: Das Arschloch, das mich verhört hat, hiess Geissler wie  ich. Das ärgert mich heute noch. Hab ich ihm noch gesagt: wir sind hoffentlich  nicht miteinander verwandt - so eine Wut hab ich gehabt. Mein Chef hat mir  gesagt, ich soll aggressiv sein, und ich frag also, wieso man dazu komme, eine  Haussuchung zu machen. "Ja...wir haben Ihre Adresse bekommen." -  "Durch wen?" - "Von einem, den wir verhaftet haben." -  "Wer?" - "L." - "Das glaub ich nicht, dass es L.  war." - "Wir haben schon Methoden, Adressen zu bekommen." Da sag  ich: „Sie werden sich irren, bei mir kriegen Sie keine." In diesem Moment  hat das Telefon geklingelt und mein Chef hat angerufen. "Hier ist  SS-Obersturmführer Dr. Kremer, ist meine Sekretärin noch bei Ihnen? Ja? Wenn  meine Sekretärin nicht sofort in einem Dienstwagen in mein Büro gebracht wird,  werde ich Reichsführer SS Himmler anrufen. Er ist ein Schulkamerad von Fräulein  Geissler und kennt sie sehr gut." Der hat nur noch gestammelt: "Sie  können gehen." Das war ein schöner Augenblick. Mein Chef war  grossartig.Hier muss ich anmerken: Das mit Himmler stimmt. Wir sind in München  im selben Schulhaus zur Schule gegangen. Und ich weiss noch gut, dass ich in  den Pausen Rollschuh mit ihm gelaufen bin. In meiner Berliner-Wohnung an der  Agricolastrasse hatte ich 24 Vögel und meinen Hund, eine Dogge - mein alles.  Und eines Tages, als ich nach Hause kam, hab ich drei schwarze SS-Wagen  gesehen. Da wusste ich, dass sie oben sind. Jemand anders wäre in dieser Lage  vielleicht nicht mehr hoch gegangen. Ich schon. Oben sagt einer der SS-Leute zu  mir: "Haben Sie unsere Autos unten stehen sehen?" - "Ja." -  "Und warum kommen Sie rauf?" - "Weil ich meine Tier nicht im  Stich lasse." Da hat er mir meinen Pass gegeben, den er schon  beschlagnahmt hatte. Den Hund habe ich mitgenommen, die Vögel in eine  Vogelhandlung gebracht, und dann habe ich Deutschland verlassen. Im Jahr 1936  war das.

Ich sage immer: man darf keine Angst  haben. Es gibt in jedem Menschen etwas, das anklingt

Ich ging via Prag in die Schweiz, musste  aber alle drei Monate ausreisen. Ich hatte nur drei Monate Aufenthalt, musste  also alle drei Monate nach Oesterreich ausreisen. Es ist eine furchtbare Sache  gewesen. Da hab ich mir gedacht: jetzt musst du dir einen Schweizer suchen.  Aber das war nicht so einfach. Ich hatte kein Geld, schön war ich auch nicht.  Aber ich hab einen ganz lieben Mann bekommen. Ganz lieb, ganz fein. Und das kam  so. Ich hatte einen Freund in Berlin, der Jude war und dem meine Schwester,  nachdem ich ihn aus Berlin herausgebracht hatte, ein Visum nach Amerika  verschaffen konnte. Als  der Bürgerkrieg  in Spanien ausbrach, kam er zurück, um gegen Franco zu kämpfen. In Spanien hat  er einen Schweizer kennen gelernt, einen Zimmermann,  der ebenfalls gegen Franco kämpfte, und da er  von meinen Schwierigkeiten als Emigrantin wusste, hat er diesen gefragt, ob er  mich heiraten würde. Die Antwort war Ja. Ohne mich im geringsten zu kennen.  Da  haben wir in Paris geheiratet. In der  Schweiz wäre es, weil ich ja keine Papiere hatte, nicht gegangen. Und mein  Mann, der Herr Walter,  war so scheu, dass  er monatelang kein Wort mit mir gesprochen hat. Kaum waren wir in Zürich, bekam  Herr Walter den Stellungsbefehl. Er ging hin, und sie haben ihn gleich behalten  und ihm einen Prozess gemacht. Acht Monate hat er bekommen, die er unverzüglich  absitzen musste. Und drei Jahre Ehrverlust. Alle Spanienkämpfer, die gegen  Franco waren, mussten sitzen. Aber die, die f ü r ihn gekämpft haben, nicht.  Doch was mich gestört hat, war der Ehrverlust. Da hab ich mich hingesetzt und  dem General Guisan einen Brief geschrieben. Ich habe ihm geschrieben: vor dem  Gesetz sind alle gleich. Daraufhin ist der Ehrverlust gestrichen worden.  Immerhin.

Diese Untermenschen-Einstellung der  Menschen ist etwas, das mich verrückt macht.

1948 eröffnete ich den India Store in  Zürich. Damals gab es keine Kleider- oder Schmuckboutiquen. Es gab nichts  dieser Art. Ich hatte nebst Kleidern und Schmuck auch Kunstgegenstände,  Antiquitäten, Thankas, Gebetsmühlen, Räucherstäbchen. Indira Gandhi war bei der  Eröffnung dabei. Ich hatte immer Kontakt mit ihr gehabt. Ich wusste immer, wann  sie in Zürich war, auch inoffiziell. Einmal besuchte ich sie im Hotel Baur au  Lac. Es war Winter. Ich trug einen billigen Mantel und ging barfuss in  Sandalen. Ich begrüsste den Portier und verlangte die Ministerpräsidentin  Indira Gandhi zu sprechen. Der Portier stutzte. Da sagte ich ihm: "Frau  Gandhi ist meine Freundin, melden Sie mich bitte an."  Ich sah ihm an, dass er mich für eine  Verrückte hielt. Da erschien Indira oben auf der Treppe, wir gingen voller  Freude aufeinander zu und umarmten uns. Für mich ist jeder Mensch gleich. Ob er  schwarz ist oder Jude. Welche Religion er hat, ist mir wurscht. Niemand kann  etwas dafür, wo er geboren wurde.       Ich selber bin ja in München geboren und  aufgewachsen. Ich hatte eine wunderbare Mutter. Sie war ihrer Zeit weit voraus  und ihre Kinder waren ihr alles. Sie hatte sieben uneheliche Kinder, als sie  geheiratet hat, und dann hat sie noch neun bekommen. Ich war die jüngste, meine  Schwester Luise die zweitjüngste. Wir mussten die abgetragenen Kleider  anziehen, die schlecht rochen, vor allem die Schuhe. Ich habe es vorgezogen,  keine Schuhe zu tragen, bis ich dreizehn Jahre alt war. Mein Vater war ein  Beamter im Aussenministerium in München und ein Tyrann. Zuerst Berufsmilitär,  dann Staatsdienst. Dann kam der Umsturz, und ein Sozialdemokrat ist Minister  geworden. Das war ein schrecklicher Schlag für meinen Vater. Kurz darauf hat er  sich pensionieren lassen. In die Politik bin ich durch den  erstenWeltkrieg gekommen. Ich war 14, als er ausbrach. Ich habe in einem  Lazarett gearbeitet. Wir hatten solche, die mit dem Bajonett in den Hintern  gestochen wurden. Das war ein brutaler Kampf von Mann zu Mann. Der erste  Weltkrieg war für mich das Schlimmste, viel schlimmer als nachher der zweite,  weil eine Welt in mir zusammenbrach. 14 begann es. 15 war ein Taumel. Wenn die  Verwundeten in offenen Tramwagen gebracht wurden, hat man sie mit Blumen,  Würsten und Schnaps empfangen. Und 1916: nichts mehr. Gegen das Ende habe ich in einer  chemischen Fabrik gearbeitet. Die hatten Mohnpflanzungen, für die man russische  Kriegsgefangene zur Verfügung gestellt hat. Tagsüber haben sie auf den Feldern  gearbeitet, abends sind sie kaserniert worden. Himmeldonnerwetter, wenn ich  daran denke. Die haben nichts zu fressen gehabt. Meine Mutter hat mir heimlich  Kartoffelsalat in Kübeln hingestellt, dass ich denen das geben konnte. Sie war  eine wunderbare Frau. Der Arzt, den wir hatten, der hat zu mir gesagt: „Das  sind ja Untermenschen, die fressen Würmer!“ Da hab ich ihm geantwortet: „Ja,  warum fressen die Würmen? Weil sie Hunger haben, nicht aus Vergnügen!“ Als dann die Räteregierung zusammenbrach,  hat man die Kriegsgefangenen im Münchner Schlachthaus niedergemacht. Darüber  spricht kein Mensch. Aber die Roten hatten zehn Geiseln genommen, und weil die  hingerichtet wurden, hat die ganze Welt, einschliesslich Papst, geschrien.

Die Freunde sagen: Eva, du bist eine Oase  in der Wüste

Vierzig Jahre lang hab ich den India Store  gehabt, von 1948-88. Zuerst am Limmatquai, dann an der Schoffelgasse. In den  letzten Jahren habe ich keinen Profit mehr gemacht. Ich bin mehrmals  überfallen worden. Am Schluss war die Ladentüre zugesperrt und draussen eine  Klingel. Aber ich kam mit vielen Leuten in Kontakt. Hätte ich alleine in  der Wohnung hocken sollen und resignieren? Meine grossen Freundinnen waren die  Huren in der Strasse. Oberklasse. Sehr nette Mädchen. Sie sind die Verachteten,  und der Mann, der zu ihnen geht, ist der feine Herr. Für mich wäre das nie ein  Beruf gewesen. Und doch habe ich mit 82 Jahren das erste Geld auf der Strasse  verdient. Da hat mir ein Freier gesagt: „Die Mädchen da, die sagen, dass Sie so  lieb seien“ und hat mir hundert Franken geschenkt. Wie finden Sie das?       Im Laden an der Schoffelgasse, da sind im  ersten Stock Tauben und Spatzen frei herum geflogen und haben alles  verschissen, aber das war mir wurscht. Ein paar Tauben waren in Käfigen. Eine  Dohle hatte ich und Rani, meinen Hund. Regelmässig ging ich zur Limmat  hinunter, um Tauben zu füttern. Tauben, die krank waren, nahm ich mit nach  Hause und pflegte sie gesund. Einmal hatte ich wegen den Tauben einen Prozess.  Morgens um acht kam die Kriminalpolizei. Ich würde Tauben pflegen, das sei  verboten, ich solle sie ihnen rausgeben. Ich gab sie nicht. Dann musste ich zum  Friedensrichter, aber mein Tierarzt kam mit mir und hat gesagt: „Ich kenne die  Frau Walter seit sie in die Schweiz emigriert ist, und wenn ich ein krankes  Tier habe, und Frau Walter nimmt es, dann bin ich überglücklich.“ Und weiter  hat er gesagt, ich müsse vor Gericht gehen, denn nirgends stehe geschrieben,  dass das Pflegen von kranken Vögeln verboten sei. Am Bezirksgericht sagt der  Bezirksrichter zu mir, eh ich überhaupt meinen Mund aufgemacht habe: „Das muss  ich Ihnen gleich sagen: wir sind da nicht im Dritten Reich, wo man ein freches  Maul haben kann!“ So hat der mich empfangen! Da hab ich dem  Protokollführer gesagt: „Seien Sie so gut und schreiben Sie auf, was der Herr  Bezirksrichter zu mir gesagt hat. Und zu ihm selber sagte ich: „Meine Mutter  hat mir einen guten Rat gegeben: Sag nie, was du denkst, sondern sag immer:  ‚Sie sind aber ein feiner Herr und hier am richtigen Platz.’“ Dann bin ich  wutentbrannt raus. Mein Anwalt sagte mir dann: „Frau Walter, Sie sind eine  Querulantin, lassen Sie das doch sein!“ Sag ich: „Da kennen Sie mich schlecht  und ging wieder zum Bezirksgericht. Einfach so. Und da stand:  ‚Bezirksgerichtspräsident’. Dachte ich, geh ich doch zum Präsidenten. Im  Vorzimmer werde ich gefragt, ob ich angemeldet sei. Nein, aber Sie brauchen  nicht gleich vom Stuhl zu fallen, dass ich unangemeldet komme. Ich hab mir  gesagt: Wenn er den Z. mag, dann bin ich verloren, aber wenn er ihn nicht  mag.... Ich hab mich dann hingestellt und gesagt wie ein Schulmädchen: „Herr  Präsident, ich habe eine pfundige Anklage gegen Herrn Bezirksrichter Z.“ Da hat  er mich vorgelassen. Zuerst sagte er bloss, er werde Z. eine Rüge erteilen,  worauf ich aber keinen Wert legte. - Gut, er wolle sich den Fall ansehen.  Schliesslich habe ich ein Urteil bekommen, dass es begrüssenswert sei, kranke  Vögel zu pflegen. Sie müssen nur an die richtige Stelle kommen       Der Deutschenhass hier, ist etwas ganz  Primitives. Ich hatte zum Beispiel meinen Hund vor der Metzgerei angebunden,  mit dem falschen Halsband, wo die Marke nicht dran war. Kommt ein Polizist. Wem  der Hund gehört? Mir. Die Verkäuferin sagt, sie kenne mich. Ich sag ihm, wo ich  wohne. Ich hätte das Halsband zu Hause, ich sei in zehn Minuten wieder zu  Hause. Dann gehe ich ins Milchgeschäft. Kommt er rein: „So einfach geht das  nicht!“ Ich hab ihm meine genaue Adresse gesagt und er könne mich mal. Kaum bin  ich in der Wohnung, steht er schon draussen und will meine Papiere sehen. Ich  hab ihm meinen Schweizer Pass gegeben, und da hat er gesagt: „Oh,  entschuldigezi, Si sind Schwizeri.“ Da hab ich gesagt: Jetzt können Sie mich  dreimal.       Ein Wirt hat mir gesagt. „Du Sauschwob,  mach dass du mit deinem Hund weiterkommst!“ Hab ich gesagt: „Sie Sauschwizer  können mir gar nichts sagen.“ Hat er die Polizei geholt. „Sie hat ‚Sauschwizer’  zu mir gesagt“, sagt er zum Polizisten. „Ja, das dürfen Sie doch nicht sagen“  sagt der Polizist zu mir. Dann habe ich ihm geantwortet. „Wenn der zu mir  Sauschwob sagt, sag ich Sauschwizer zu ihm.“ Darauf der Polizist: Das sei nicht  das Gleiche. ‚Sauschwob’ sei hier ein gängiger Ausdruck.       Als 1980 die Jungen randalierten - die  meisten Proteste fanden ja im Niederdorf statt - da habe ich gedacht: ich bin  froh, dass ich 80 bin. So komme ich nicht in Versuchung. Ich mag  Gewalttätigkeiten nicht, doch als wir in Berlin gegen Hitler kämpften, haben,  wir uns auch vor die Strassenbahnen geworfen und so.       Kurze Zeit war ich in einem Altersheim,  antroposophisch, wo ich mich bevormundet fühlte. Dann brachte man mich hierher  ins Krankenheim Entlisberg. Das Personal ist lieb. Die Aussicht aus dem Fenster  ist schön.  Zu jeder Mahlzeit krieg ich  ein Gläschen Cognac. Aerztlich verordnet, und hie und da bringt mir ein Besuch  eine Flasche Cognac mit, die ich dann verstecke.. Ich habe AHV und Kriegsrente  von den Deutschen. Ich habe Verwandte, Freunde. Eigene Kinder hatte ich nie.  Ich höre Radio, ich lese Zeitungen. Man sollte nicht so alt werden       Eva Wilhelmine Walter-Geissler starb am  15. April 1991

 

Aufgezeichnet von Martin Hamburger


 

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Jahreszeiten

Im Frühling solidarisieren wir uns mit den  Schildkröten      
Im Sommer solidarisieren wir uns mit den Enten      
Im Herbst solidarisieren wir uns mit den Eichhörnchen      
Im Winter solidarisieren wir uns mit den Amseln
Und manchmal ...füttern wir die Dritte  Welt.

Martin Hamburger

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Infektionen - Jazz und improvisierte Musik im  Bild der Sprache

von Martin Hamburger

Menschen, die etwas von Musik  verstehen, werden mich nie verstehen.       Ich höre Musik, wie kleine Kinder  essen. Sie stopfen Nahrung in sich hinein. Gleichgültig. Manchmal auch  lustvoll. Manchmal verweigern sie die Nahrungsaufnahme.

Fragt man mich, welche Musik mir  gefalle, werde ich verlegen und antworte: Klassik. Eigentlich kommt es  mir nicht drauf an, mir gefällt alles, irgendwie, und ich müsste ehrlicherweise  sagen: Mir gefällt alles.

Ich stelle mir vor, dass Leute, die  etwas von Musik verstehen, einen differenzierten Musikgeschmack haben. Sie  würden auf die Frage, welche Musik ihnen gefalle, differenziert antworten: Der  frühe Louis Armstrong oder der späte Beethoven oder Dave Brubeck,  aber nur wenn er swingt Oder: Gregorianischer Chorgesang. Mir  gefällt zum Beispiel auch Gregorianischer Chorgesang, und in bestimmten  Momenten brauche ich Gregorianischen Chorgesang, alles andere würde mich nervös  machen.

Mein Musikgeschmack hängt mit  Lebensabschnitten oder Lebenssituationen, mit Erinnerungen und Imaginationen  zusammen. So liebe ich etwa Marschmusik. Gewöhnliche Marschmusik.  Tschinaratapum.       In meiner Kindheit ist an schönen  Sonntagvormittagen die Quartiermusik durch die Strassen gezogen. Von weitem  schon hat man sie gehört, und mein Bruder und ich sind aufgestanden und im  Pyjama auf die Strasse gerannt, um der Blasmusik zu folgen, der bereits eine  Kinderschar hinterher lief. Und so liefen wir stundenlang mit, wie die Kinder  von Hammeln hinter dem Rattenfänger, und vergassen alles um uns herum,  vergassen vor allem unsere Eltern und den Sonntagsbraten, der auf uns wartete,  und kamen erst am Nachmittag nach Hause, wo wir für das unerlaubte Fernbleiben  ausgeschimpft wurden, doch für das hautnahe Erlebnis der Blasmusik nahm ich den  Schimpf in Kauf. Ich sehe und höre den dicken Mann, der die furzenden Töne der  Basstuba spielte, noch heute, und den hünenhaften Mann, der die Pauke schlug;  und da gab es auch Posaunen, deren Züge gleichzeitig aus- und eingezogen  wurden, was mich faszinierte;  es gab  Trompeten, Klarinetten. Besonderen Eindruck hat mir das Xylophon gemacht, vor  allem die feierliche Art, wie der Xylophonspieler es vor sich hertrug. Das  schönste waren die Tschinellen, die der debile Strassenkehrer mit äusserster  Konzentration immer dann zusammenschlug, wenn sie zusammengeschlagen werden  mussten. Mir gefielen die Uniformen. Mir gefiel der Ernst, der von unserer  Quartiermusik aus ging.       Blasmusik und Marschmusik ist für  mich auch verbunden mit Frieden, was merkwürdig ist, da sich ja das Militär der  Blas- und Marschmusik bedient, um in den Krieg zu ziehen. Wenn eine Blasmusik  spielt bei einer Jubiläums- oder Trauerfeier, bekomme ich feuchte Augen,  allerdings nur, wenn ich unmittelbar dabei bin. Nur live. Blasmusik über einen  Tonträger wäre wirkungslos. Am ersten August sah ich letztes Jahr in einem Dorf  im Unterengadin den Handwerker, den Metzger, den Bäcker, den Lehrerr, den  Landwirt, die ich alle vom Sehen kannte, in der Blasmusik harmonisch vereint  und ein friedliches Gefühl überfiel mich, und ich hatte den Eindruck, dass  alle, die in einer Blasmusik spielen, brave, rechtschaffene Menschen sein  müssen. Menschen, die niemandem etwas zuleide tun könnten.

Auch Barpianisten sind brave  Menschen. Doch in unserer Zeit, in der jeder alles kennt oder zu kennen glaubt,  ist es schwierig für einen unbekannten Barpianisten in einer unbekannten Bar.  Es ist traurig, wenn einer pausenlos spielt und spielt und die Musik im  Stimmenlärm von ignoranten Leuten untergeht. Ich bin der einzige, der ihm  zuhört, denke ich dann, an den Tresen gelehnt, und beobachte ihn, wie er  dasitzt und in die Tasten greift, beobachte seine ernste Miene, die auch bei  lustigen Stücken ernst bleibt, und es kommt dann nicht darauf an, welche  Evergreens er spielt und wie gut oder wie schlecht. Es kommt dann auf nichts  anderes an als auf seine Einsamkeit. Eigentlich liebt er seine Musik. Er liebt  sie wie seine beiden Kinder, die er ernähren muss von seinem mageren Lohn in der  lauten Bar. Das Publikum jedoch verachtet er, und ich weiss nicht, ob das  Publikum ihm nicht zuhört, weil er es verachtet oder ob er das Publikum  verachtet, weil es ihm nicht zuhört. Er spielt und niemand beachtet ihn, und er  träumt davon, ein Konzert in der Tonhalle zu geben, wo das Publikum zur  Salzsäule erstarrt auf den Stühlen sitzt und niemand anderem zuhört als ihm. So  denkt er, während des Klavierspiels in der lärmigen Bar. Und wenn er sich  schliesslich, nachdem er die bekanntesten Melodien durchgespielt hat, zu  einigen Akkorden und Läufen hinreissen lässt, von der untersten zur obersten  Taste und zurück, wenn er den Schluss aller Schlüsse demonstriert und darauf  augenblicklich verstummt, dann ist ein müdes Klatschen zu vernehmen, ein  herablassendes Klatschen, ohne Freundlichkeit, und man ist überrascht, dass  überhaupt jemand klatscht. Es ist, als hätten die Leute in der Bar den  Pianisten in dem Moment erst wahrgenommen, als dieser zu spielen aufgehört hat.       Ich habe auch schon Barpianisten  und Barpianistinnen erlebt, die das Publikum begeisterten. Auch ihre Musik ging  zuweilen unter, aber im Jubel. Und ich war mitgerissen und stand nicht  beobachtend in einer Ecke. Der Rhythmus fuhr mir in die Glieder, und ohne es zu  merken, fing ich an zu tanzen. - Doch als Schriftsteller hat mich die  Geschichte des verlorenen Barpianisten mehr interessiert.

„Welche Musik gefällt Ihnen?“ ist  eine offene Frage. Ich kann Antworten geben, die vom Thema ablenken. Aber es  gibt Leute, die fragen mich direkt und brutal: „Lieben Sie Jazz?“ Eine „geschlossene“ Frage, auf die  man nur Ja oder Nein antworten kann.   „Mhmja, schon“, sage ich dann, und ich müsste eine Geschichte erzählen,  die ich natürlich nie erzähle, weil mich ja niemand darnach fragt. Die Antwort  „Mhmja, schon“ genügt den Leuten. Aber Ihnen erzähle ich jetzt die Geschichte.       Im Keller des Einfamilienhauses, wo  ich aufgewachsen bin, stand ein altes, beinahe antikes Klavier, auf dem meine  Mutter Klavierspielen gelernt hatte. Es war ein kastanienbraunes, unlackiertes  Klavier eines unbekannten Klavierbauers, versehen mit zwei beweglichen  Kerzenständern aus Messing, die beidseitig am Gehäuse befestigt waren, und es  stand ungestimmt in einer Ecke. Als es seinen Platz noch im Esszimmer hatte und  an Weihnachten Weihnachtslieder darauf gespielt wurden, liess es meine Mutter  hin und wieder stimmen, von einem blinden Klavierstimmer, von denen es damals  haufenweise gegeben hat.. Später wurde das Instrument vernachlässigt, obwohl es  gerade in seiner Keller-Zeit am häufigsten und intensivsten bespielt wurde.  Denn ich hatte während meiner Sekundarschulzeit einen Freund, der schon damals  als Kind ein Genie war, und als er das alte Klavier sah, frohlockte er, setzte  sich augenblicklich auf einen wackligen Hocker und begann Boogie-Woogie zu  spielen, dass die Kellerwände wackelten. Er spielte es frei. Er begann mit  einer simplen Liedmelodie wie Rooti Röösli im Garte und machte daraus  mit Leichtigkeit eine Jazz-Improvisation. Meine Mutter, die Boogie-Woogie  mühsam nach Noten zu spielen versuchte, erblasste vor Neid. Der Schulfreund  hackte auf unserem Klavier herum wie ein Wilder und machte damit alles, was er  bei sich zu Hause auf seinem Steinway nicht durfte. Es war die Zeit, da Jacques  Loussiers Play-Bach-Platten bekannt wurden, und mein Schulfreund, der schon mit  dreizehn Organist werden wollte und bereits Orgel-Unterricht nahm, spielte bei  uns seine eigenen Play-Bach-Variationen.       Ich konnte nicht einfach bloss  zuhören, und so wurde neben das alte Klavier ein Schlagzeug hingestellt. Eine  grosse Trommel mit Fussmaschine und eine Wirbeltrommel kauften wir im  Brockenhaus. Den Rest bastelten wir aus Konfitüre-Kübeln und Einmachgläsern  zusammen.       Später kamen Rumbakugeln dazu und  noch später ein Becken. Und ich versuchte die Jazz-Improvisationen meines  genialen Freundes mit meinem enthusastischen Gehaue zu unterstützen. Es war  abenteuerlich, befreiend, lustvoll. Ich hatte vom Jazz einen ersten Eindruck  bekommen, und ich habe mir gesagt:       Jazz ist etwas, das man entweder  schon kann oder das man spielen kann, ohne es können zu müssen.       Aus meinem Schulfreund ist ein  bekannter Organist und Musiker geworden.       Sie hören Rudolf Lutz im Jahr 2003,  bei einer Ragtime-Improvisation auf einem nachgebauten Hammerflügel, damit Sie  sich ungefähr vorstellen können, wie es damals in unserem Keller - fast 40  Jahre sind es her - geklungen haben mag.       Stück I (Ragtime)

Hammerflügel dieser Art sind im 18.  Jahrhundert hergestellt worden, noch ohne Pedale. Mozart hat auf einem solchen  Instrument gespielt. Den Hammerflügel, den wir eben gehört haben, ist von Paul  McNaulty in Amsterdam gebaut worden.       Die folgende Aufnahme von Rudolf  Lutz ist eine Improvisation auf der Orgel, zum Kirchenlied „Näher mein Gott zu  dir“. Ein Lied, das sich ältere Menschen im Wunschkonzert wünschen. Jüngere  kennen es aus dem Spielfilm Titanic. Für die 1500 Passagiere, für die es  damals, in jener grauenvollen Nacht, keine Rettungsboote mehr gab, die auf dem  sinkenden Schiff zurückbleiben mussten, spielte die „White Star Line Band“  diese Hymne. Näher mein Gott zu dir. Vorher, so berichteten jene, die noch ein  Rettungsboot erwischt haben, vorher habe die „White Star Line Band“  Ragtime-Musik gespielt, um die aufgeregten und verängstigten Leute  aufzumuntern. Beide Aufnahmen stammen aus der Sendung „parlando“ von Radio DRS.  Ich danke Rudolf Lutz für die Erlaubnis, sie hier wiederzugeben.       Stück II (Orgel)

Die zweite Infektion durch Jazz  erfuhr ich zwanzig Jahre später. Ich hatte poetische und kabarettistische Texte  geschrieben und suchte einen Musiker, mit dem ich diese Texte zur Aufführung  bringen konnte. Ich erzählte einem Musiklehrer, den ich flüchtig kannte davon  und bat ihn, im Konsi in Zürich, wo er unterrichtete, am schwarzen Brett einen  Anschlag zu machen, in der Hoffnung, einen Studenten oder eine Studentin zu  finden, die Lust hätten, so etwas zu machen. Doch der Konsi-Lehrer sagte: „Da  hätte ich selbst Lust dazu.“ Und so kamen meine Texte während  zweier Jahre in Berührung mit Altsaxophon, Bassklarinette, Flöte und  Perkussion. Der Name meines neuen Partners war Martin Schlumpf. Er stellte eine  Bedingung. Er wollte mich nicht „begleiten“. Musikbegleitung war für ihn etwas  Abscheuliches. Der Musiker, so sagte er, werde dauernd zur Zweitrangigkeit  verurteilt und habe dann den Job, eine langweilige Autorenlesung ein bisschen  weniger langweilig zu gestalten. Dazu gebe er sich nicht her. Ich war mit ihm  einig. Auch im Radio werde die Musik oft so programmiert, dass man sich mit  Musik vom Gesprochenen erholen könne. Noch schlimmer als die Musikbegleitung  war für ihn die Musikuntermalung und das allerschlimmste die Hintergrundmusik. Unsere Ohren seien beklagenswerterweise auf Hintergrund trainiert.       Die heutigen Degradierungen der  Musik gab es damals, anfangs der 80er Jahre noch gar nicht. Es gab noch keine  so geannte Musak. Es gab noch keine Lokalradios, die permanent und überall  liefen: beim Friseur, beim Zahnarzt, in der Bäckerei, in der  Schuhmacher-Werkstatt, im Café.       Eine Bekannte von mir, die ihren  Freund verloren hatte, wollte aus einem inneren Bedürfnis, die Kremation  mitansehen, was ihr gestattet wurde, ausnahmsweise. Doch wie war sie entsetzt  und empört, als sie feststellen musste, dass die Krematoriumsangestellten bei  ihrer Arbeit Lokalradio hörten. Musik oder Musak. Wir können ihr  nicht entfliehen. Ich brauche in der öffentlichen Bedürfnisanstalt keine  Musik, ich brauche keine Musik, wenn ich am Telefon verbunden werde, ich  brauche keine Musik in einem Lift. Ich frage mich, ob die Musiker dabei  wenigstens Geld verdienen. Verdient Andreas Vollenweider etwas dabei, dass sein  Harfenspiel im Aufzug eines Wolkenkratzers einer New Yorker Bank erklingt?       Martin Schlumpf und ich  widersetzten uns alledem. Sein Saxophon sollte eigenständig sein und den  gleichen Stellenwert haben wie die gesprochene Sprache. Das Saxophon sollte  sprechen und der Sprecher sollte die Regeln der gesprochene Sprache übertreten.  Wir nannten unser Programm Sinn & Sax.       Von Anfang an entschieden wir uns,  ohne elektronische Verstärkung zu arbeiten. Das war       schwierig. Stimme und Saxophon  kommen nicht immer gut miteinander aus. Die Stimme fühlt sich vom Saxophon  übertönt, und das Saxophon ist frustiert, weil es sich dauernd zurücknehmen  muss, damit es die Stimme nicht übertönt.       Wir haben das Publikum dazu  gebracht, konzentriert zuzuhören. Beim Sinn wie beim Sax. Es ist nicht möglich  gewesen, dem Text zuzuhören und sich bei der Musik auszuruhen.       Sie hören ein Stück aus Sinn &  Sax  (1985) mit Martin Schlumpf Sax,  Martin Hamburger Stimme.

Stück III (Sinn & Sax)

Willi ist ein Bekannter von mir und  hat ein eigentümliches Kunstverständnis. Es gibt für ihn nur ein einziges  Kriterium, Bilder zu betrachten; ein einziges Kriterium, Musik zu hören; ein  einziges Kriterium, ein Gedicht zu lesen.       Bei einem Leonardo da Vinci sagt  er, indem er den Kopf etwas zur Seite neigt: „Nicht schlecht, könnte ich  nicht.“ Bei einem abstrakten Bild, auf dem  rote Farbtöne und weisse Striche zu sehen sind, sagt er, ohne lange  hinzuschauen: „Das könnte ich auch.“ Ich habe dem Bekannten - ich kenne  ihn aus der Quartierbeiz - diese CD vorgespielt. „Symbiolo“ Sie ist die dritte  Infektion, was meine Erfahrungen mit Jazz betrifft. Eine Pianistin und ein  Kontrabassist improvisieren auf präparierten Instrumenten, in der Absicht,  ungewohnte Klänge zu erzeugen.       Willi hat sich das eine Weile  angehört und dann gesagt - Sie ahnen es -: „Das könnte ich auch.“ Selbstverständlich kann es in der  Kunst nicht darum gehen, ob man etwas „auch könnte“ oder „nicht könnte“. Willi  hat ausgedrückt, wie schwierig es für den einfachen Menschen wird, wenn die  Künstler neue Gebiete zu erforschen beginnen, was aber in jeder Kunstform etwas  Natürliches und sogar Notwendiges ist.       Die Pianistin Barb Wagner sagt: Es  geht darum, ob mich etwas berührt oder nicht. Ich bin Barb vor etwa zwei  Jahren in einer Kulturgruppe begegnet, die es inzwischen schon nicht mehr gibt,  und in dieser Gruppe hat sie mir die CD geschenkt. Ich habe sie mir ganz  angehört. Zu sagen, „das hat mich berührt“, wäre übertrieben. Aber ich finde es  spannend. Je öfter ich es höre, desto spannender wird es, umso mehr, als ich  von Barb Wagner Zusatzinformationen dazu bekommen habe, etwa über die Konzepte,  die den Improvisatoren vorlagen und die sie sich selbst vorgelegt haben oder  über die Technik, mit der die Instrumente präpariert und dann traktiert worden  sind. Das Klaviergehäuse ist geöffnet. Die Klaviersaiten werden gestrichen,  während die Saiten des Kontrabasses geschlagen werden. In einem der Stücke ist  der Klaviaturdeckel demonstrativ zugeklappt, weil die Pianistin die Tasten nicht  berühren will. Der zugeklappte Klaviaturdeckel gehöre zum Konzept, aber im  Innern des Klaviers sei sie völlig frei, sagt sie. In einem der Stücke (Limit),  sagt sie, würden die Instrumente bewusst überall dort gezupft oder geklopft, wo  diese nicht klängen. Der Kontrabass sei mit Küchentüchern umwickelt. Das Innere  des Klaviers sei mit Rosshaaren, Gummi, Kork, Lederriemen und Textilien  ausgestattet. Es sähe „desolat“ aus. Solches ist interessant. Interessant an  sich, wie die Packungsbeilage eines Medikamentes, die ich manchmal, ohne krank  zu sein, lese, einfach so, als Lektüre.       Aber ich bin mir nicht sicher, ob  ich mir diese Improvisationen angehört hätte, wenn ich zufälligerweise im Radio  darauf gestossen wäre, ohne die Pianistin persönlich zu kennen und ohne ihre  Erklärungen. Ich vermute, dass ich dann nicht die Geduld gehabt hätte, das  Ganze zu Ende zu hören. Bevor wir ein Stück daraus hören, möchte ich Ihnen  schildern, wie das Medikament auf mich gewirkt hat, bevor ich die  Packungsbeilage gelesen habe. Ich lese Notizen, die ich während des Zuhörens  gemacht habe. „Es muss nicht sein, dass jemand  mit der Gabel einen leeren Porzellanteller zerkratzt oder ein Kind auf seinem  Luftballon herumfingert oder Aehnliches. Das muss nicht sein. Da! Ich habe ganz  deutlich etwas Celloartiges gehört. Das war der Kontrabass. Ich sehe den  Kontrabass sogar vor mir, sehe, wie dieses hölzerne Ding wie ein Raumschiff  durchs All schwebt, in anderen Sphären, wie in Kubricks „Space Odysee, und auf  einmal schwebe ich selbst im Weltraum, was ich schön empfinde. Wenn nur nicht  dieses Pfeifen wäre. Da pfeift irgendwas. Ein Fahrrad, das man ölen müsste. Was  ist jetzt? Da unten in dem Loch brodelt etwas. Seltsame kleine Tiere sind das,  Lurche, Chamälions. Ich bin ganz allein auf einer Galapagos- Insel. Unheimlich.  Da ist ein Drachen-Ungeheuer aus einer alten Sage, das schnaubt und aus den  Nüstern dampft und Flammen spuckt. Und ich habe weder Lanze noch Schwert dabei,  oder doch. Geräusche jetzt wie in einer Schmide oder nein, wie in einer grossen  Fabrikhalle, wo lange Metallrohre zerschnitten werden. Ist das der Soundtrack  eines Horrorfilms? Und plötzlich ist alles weit weg, und ich bin in einem  stillen Hinterhof, und ein silberner Suppenlöffel fällt vom fünften Stockwerk  auf das Gitter des Kellerschachts.“ Sie hören das Stück Free bow aus der CD „Symbiolo“, 1999, von Barb Wagner (Piano) und Daniel Studer  (Kontrabass) Ein so genanntes freies Stück, ohne Konzept.

Stück IV (free bow)

Beim Hören von „Symbiolo“ - es sind  im Ganzen elf Titel - bin ich einige Male irritiert worden. So habe ich ein  plötzlich auftretendes Brummen für einen Defekt in meiner Lautsprecherboxe  gehalten, und erst Augenblicke später bemerkt, dass dies ja zum Stück gehört.  Und eine mehrere Sekunden andauernde Stille habe ich für das Stückende oder gar  für das überraschende Ende der Platte gehalten und bin erschrocken, als mit  einemmal der Knall einer grob gezupften Bass-Saite ertönte und das Stück sich  fortsetzte.       Im Stück In Time out of Time gehe es um Tempo, sagt mir Barb Wagner, und sie hat es auch in einem Interview  im Radio gesagt. Am Anfang der Improvisation sei das verbindende Metrum, und  sie habe sich die Aufgabe gestellt, sich von diesem Metrum allmählich zu  entfernen. Das Klavier gehe weit weg, während der Kontrabass drin bleibe in der  Metronomzahl, zu Hause bleibe sozusagen, denn im Metrum fühle man sich zu  Hause, während das Weggehen schrecklich sei, weshalb es so wohl tue, am Schluss  wieder nach Hause zurückzukehren.       Ich habe auch zu diesem Stück meine  Imaginationen notiert, ohne etwas darüber vorher zu wissen. Hätte ich die  Zusatzinformationen gekannt, wäre ich ein anderer Zuhörer gewesen. Ich hätte  dauernd darauf geachtet, ob ich hören kann, wie das eine Element vom andern  wegläuft und mich gefragt, ob ich dies nun höre oder nicht.       Als unvoreingenommener Zuhörer habe  ich Bilder gesehen. Ich lese wieder die Notizen, die ich beim ersten Mal  zuhören gemacht habe: „Mit einemmal das intensive Summen  eines Insektenschwarms, etwas, das treibt und vorantreibt. Etwas Fliehendes,  Laufendes, Pulsierendes in einer unheimlich kalten, starren Landschaft. Und  wieder eine Art Space-Odysee-Gefühl, aber diesmal anders, unruhiger, nervös.  Und plötzlich ist es leise geworden. Die Insekten sind traurig, oder vielleicht  sind es gar keine Insekten, sondern das Summen oder Brummen kommt von einer  Hochspannungsleitung. Und genau unter der Hochspannungsleitung wetzt ein Bauer  seine Sense, hat allerdings ein bisschen Mühe damit; es ist vielleicht ein  Knecht, der noch nie eine Sense gewetzt hat.       Sie hören nun „In time out of time“ Stück V (In time out of time)

Die Stücke von „symbiolo“ eignen  sich weder zum Einschlafen noch zum Aufwachen, noch kann man sie sich beim  Geschirrspülen anhören, weil das Tellerklappern sich mit den Tönen verschmischen  würde. Man kann zu dieser Musik auch nicht die Zeitung lesen.       Dieser Musik kann man nur  intensiv zuhören.

Meine nächste Begegnung mit Jazz  ist nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern typisch für mein  Musikverständnis.       1987. Ich war als Tourist in New  York und besuchte das Hard-Rock-Café - eigentlich nur, um es einmal gesehen zu  haben -, und als ich zum zweiten Stockwerk hochstieg, begegnete mir eine junge,  bildschöne Frau, die eben die gewundene Treppe herunterkam. Sie mochte  siebzehn, achtzehn gewesen sein, sah mich mit grossen Augen an und rief voller  Freude: „I love your show!“ - Als plumper Schweizer fragte ich: „What show do  you mean?“. Das Konzert von gestern abend, sagte sie. Es fanden im  Hard-Rock-Café regelmässig Konzerte statt, und sie meinte das gestrige Konzert  hier im Hause, von dem ich keine Ahnung hatte. Ich war blöd damals, mit meinen  35 Jahren, unverbesserlich ehrlich. Freundlich lächelnd erklärte ich dem  Mädchen, dass ich mit diesem Konzert nichts zu tun hätte. Sie war erstaunt. Das  waren doch Sie, sagte sie. Ich zuckte die Schultern, sie entschuldigte sich,  und beide gingen wir unsere Wege; sie treppab, ich hinauf.       Ich ahnte sofort, dass ich einen  grossen Fehler begangen hatte und eilte zum Plakat mit dem Konzertkalender, um  herauszufinden, mit wem ich verwechselt worden war.       Es war Chick Corea.       Ich hatte diesen Namen schon  gehört, aber sonst wusste ich nichts von dem Mann, und ich konnte auf dem Foto  des Konzertkalenders ausser der runden Brille keinerlei äussere Aehnlichkeit  zwischen ihm und mir erkennen. Er hatte eine ganz andere Nase, ganz andere  Augen, fand ich. Der Mund - vielleicht. Der Unterkiefer, das Kinn - möglich.  Ich war schockiert. Während ich Eric Claptons Gitarre und Elvis Presleys Schuhe  betrachtete im Hard-Rock-Café in New York, stellte ich mir vor, was alles hätte  geschehen können, wenn ich spontan auf das Mädchen eingegangen wäre und  mitgespielt hätte, was sie von mir erwartete. Es hätte grossartig werden  können. Ich hätte sie zum Essen eingeladen und mich von der besten Seite  gezeigt, und das Mädchen hätte sich wie im siebten Himmel gefühlt. Ich hätte  sie nach Hause begleitet; sie hätte gefragt, ob ich noch schnell mit raufkomme;  ich wäre selbstverständlich mit raufgegangen und hätte im Stillen gehofft, dass  sie kein Klavier in ihrem Zimmer hat...Diese Chance habe ich verpasst. Ich ging  in den nächsten Plattenladen und kaufte mir eine Platte von Chick Corea und  hörte sie mir zu Hause mit der repeat-Taste mehrmals hintereinander an und  träumte dabei einen romantischen Traum. Was ich hörte, gefiel mir. Es erinnerte  mich an den einsamen Barpianisten, der unentwegt spielt und spielt, in sich  versunken, sich verlierend im Ambiente, das er mit seinen Tönen kreiert, die  erst dann auffallen, wenn sie aufhören.       Es folgt von Chick Corea das Stück  „It could happen to you“. Eine Komposition von Jimmy Van Heusen & Johnny  Burke.

Stück VI (Chick Corea)

Die Pianisten Barb Wagner und der  Kontrabassist Daniel Studer bezeichnen ihre Arbeit unter anderem als  „musikalische Feldforschung“. Musik als Forschung. Sind Musiker  der modernen klassischen Musik oder der frei improvisierten Musik mehr  Naturwissenschaftler als Musikliebhaber? Der Mediziner muss ins Innere des  menschlichen Körpers sehen können. Also durchleuchtet er ihn oder schneidet ihn  auf. Forschende Musiker tun ähnliches mit unseren Hörfähigkeiten und  Hörgewohnheiten.       Barb, die wie Daniel Studer von der  klassischen Musik herkommt, ist sich lange gewöhnt gewesen, metrisch zu  spielen, da alle Werke metrisch notiert sind. Für sie ist die ternäre  Bewegungsart im Jazz eine Oeffnung gewesen in die vegetative Bewegungsart, und  das habe sie, wie sie sagt, „total fasziniert“ und zum Improvisieren geführt.  Sie wundert sich sehr, weshalb jahrhundertelang die Musik metrisch gespielt worden  ist, während doch die lebenserhaltenden Funktionen des Menschen alle  vegetativer Art sind. Sie stellt fest: „Im Menschen gibt es nichts, das  absolut metrisch abläuft, nicht einmal das Ein- und Ausatmen.“ Erst heute  werde die neue Bewegungsart entdeckt. Statt der Metrik zu folgen von Anfang bis  zum Schluss, erfinde und entwickle man aus dem Moment heraus, und das sei das  Faszinierende.       Es ist nicht die grosse Masse, die  das wirklich hören will und zu hören vermag. Es gibt ja auch nur wenige, die  bei der Obduktion eines menschlichen Körpers zuschauen möchten, oder die sich  mit der Aesthetik von Röntgenbildern beschäftigen, oder die den Beipackzettel  eines Schmerzmittels poetisch interpretieren. Für den Laien, den Trägen,  Bequemen ist das nichts. Der Laie ist in der Regel nur einmal im Leben bei  einer Obduktion dabei, und das ist seine eigene. Nur hat er dann nichts mehr  davon. Mit Barb Wagners und Daniel Studers ungewohnten Klängen können Sie dabei  sein und haben etwas davon.

Copyright by Martin Hamburger,  Zürich 2003

 

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Bericht für eine Akademie

Verehrte Damen und Herren,  gestatten Sie mir eine Anmerkung.

Im Rückblick auf das letzte Jahr  stellen wir mit einiger Verwunderung fest, dass in Foren und  Mitgliederorganisationen der Akademie die „Früherkennung“ ein viel diskutiertes  Thema darstellt. In der Klimaforschung, in der Gen-Forschung, in den  Untersuchungen zur Biodiversität, in der Alpenforschung. - Früherkennung  scheint zu einem wissenschaftlichen Schlagwort geworden zu sein.       Aber haben Wissenschaftler nicht  seit jeher früh - oder früher als andere - etwas erkannt?

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen: Mein Name ist Kafka. Mein Bericht für eine Akademie erschien, wie  Sie wissen, 1917 und hat grosses Aufsehen erregt. Ich hatte mir erlaubt, in der  Gestalt eines Affen zu den hohen Herren von der Akademie zu sprechen.  Wörtlich habe ich gesagt: „Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas  Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als das meine.“ Ich  habe den Affen von seiner Gefangenschaft im Zoo bis zu seiner Karriere als  Variete-Künstler berichten lassen. Ich möchte es heute, meine Damen und Herren,  kürzer machen und verzichte auf das Affenkostüm. In Anbetracht der Paviane,  Gorillas und Schimpansen des Prager Zoos beschäftigte mich die Frage, inwiefern  unsere Primaten Naturwissenschaftler sind. Im weitesten Sinne sind sie es. Sie  sind nicht nur lernfähig, sondern auch lehrfähig. Die Elterntiere der  Schimpansen bringen den Jungen manuelle Fertigkeiten bei, wie das Fangen von  Termiten mit einem Stecken. Schimpansenkinder, welche die Schule schwänzen,  wissen nicht, wie man Termiten fängt. Die Termiten-Fang-Technik ist also nicht  instinktiv wie die Mücken-Fang-Technik der Schwalben.       Doch will ich Sie nicht mit Dingen  aufhalten, die allgemein bekannt sind. - Die Frage lautet vielmehr:       Können Affen hoffen???        Ist die Evolution eine Hoffnung?       Die Früherkennung des aufrechten  Gangs?       Angenommen, es gibt den Planeten  Erde in 5 Millionen Jahren noch, und angenommen, es gibt darauf noch eine  Biosphäre - gibt es da den Homo sapiens noch? Wenn ja, wird er sich anatomisch  von uns heutigen Menschen unterscheiden? In dem Masse wie wir uns vom  Neandertaler unterscheiden? Der Homo sapiens hätte sich dann zum Homo kalkulens  entwickelt, zu einem Menschen, der von Natur aus rechnen kann, zu einem  biologischen Rechner.

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen: Mein Name ist Brecht. Astronomischer Mitarbeiter am Himmelszelt  des Berliner Theaters. In meinem Theaterstück „Das Leben des Galilei“ ging es  um die Früherkennung der Bewegung des Erdballs. Was wäre gewesen, wenn Galilei  seine Erkenntnisse für sich behalten hätte? Er hätte ein gemütlicheres Leben  gehabt. Wir lassen uns noch heute täuschen, wenn wir in einem still stehenden  Zug sitzen und sich der Zug auf dem Nebengleis in Bewegung setzt. Galilei hat  niemanden beleidigen wollen. Er wollte Kenntnisse verbreiten, berichten, was er  beobachtet hat.

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen. Mein Name ist Dürrenmatt. Die Früherkennung der Apokalypse ist  mein Thema. Die Physiker in meinem Stück „Die Physiker“ haben darauf  verzichtet, ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen und hatten ein gemütliches  Leben in einer Irrenanstalt. Bis man ihnen auf die Schliche kam.       Am besten machte es Sokrates. Sokrates  verstand vor allem etwas: sich selber zu sein. Eine Fähigkeit, welche die  wenigsten Männer besitzen. Zuerst sind sie Kinder, dann werden sie Männer, und  wenn sie Männer geworden sind, werden sie Politiker, Feldherren, Dichter,  Helden oder Wisschenschfter - nur nicht sich selber. Sie sind keine Männer mehr,  sie spielen Männer. Sokrates blieb Sokrates. Er wusste, dass er nichts wusste,  und darum fragte er einen jeden, was er wisse. Er fragte Handwerker,  Philosophen, Astronomen, Politiker; er fragte und fragte, bis niemand mehr eine  Antwort wusste, so dass er immer wieder vor dem ungeheuren Meer des  Nichtwissens stand, worin alle Fragen münden und wo es unsinnig ist, weiter zu  fragen. Denn je mehr man zu wissen glaubt, desto unermesslicher wird dieses  Meer. Sokrates war überzeugt, Unrecht zu erleiden sei besser als Unrecht zu  tun. Darum tat er nichts. Er war von einer göttlichen Faulheit. Sein war ihm  alles. Wissen nichts.       Ich plädiere für eine Wissenschaft  im Off.       Ich plädiere für die Hoffenschaft.

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen. Mein Name ist Jandl. Zu meinen Verdiensten gehört die  Früherkennung der modernen experimentellen Lyrik. In den Sechzigerjahren des  20. Jh. begann ich Sprechgedichte und Lautgedichte zu veröffentlichen und habe  diese mit Vorliebe selber vorgetragen. Bestiarium:

au       eise       raus       weh       zelle       liege       geh       liege       geh       liege       geh       ecke       liege       geh       ecke       liege       rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr       ops ops       s------c---------h       pfau       au       pfau       au       pfau       au       rrrrrrrrrrrrrr       ameise       eise       ameise       eise       ameise       au       libelle       belle       libelle       belle       libelle       belle       s-------c------h       fliege       liege       geh       fliege       liege       geh       liege       geh       liege       geh !       zelle       gazelle       gazelle       gazelle       liege       geh       liege       geh       ameise!       fliege       pfau!       belle       fliege!       au       belle       gazelle!       fliege       gazelle!       zelle       zelle       gazelle       geh       liege       geh       rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr       bär       rrrrrrrrrrrr       bär       rrrrrrrrrrrr       bär       rrrrrrrrrrrr       bär       rrrrrrrrrrrr       ameise       eise       zelle       gazelle       libelle       belle       fliege       liege       geh!

ecke       ameise       ecke       schnecke       zelle       gazelle       ecke       schnecke       au       pfau       rrrrrrrrrrrrrrrrr       hirsch       s--------c----------h       goldfisch       s--------c----------h       löwe       weh       löwe       weh       löwe       weh       goldfisch       au       kalb       b       kalb       b b       kalb       s--------c-----------h       ameise       eise       libelle       belle       wurm       rrrm       wurm       rrrm       wurm       rrrm       kalb       b b       schnecke       necke       mops       ops ops       löwe       ops ops       löwe       weh       bär       rrrrr       bär       rrr       ops ops       hirsch       au       ameise       eise       mops       ops ops       elch       ch ch ch       löwe       ch ch ch       goldfisch       b       kalb       b b       o o       floh       o o o       floh       o       pfau       au       ameise       eise       libelle       belle       fliege       liege       geh       gazelle      zelle     bär       rrr       schnecke       ecke       necke       hirsch       s-------c--------h       goldfisch       s-------c--------h       löwe       eeeeeeeeeeeee       wurm       mmmmmmm       mops       ssssssssssssss       elch       ch ch ch ch  ch ch

ooooooooooo    rrrm     rrrm    strauss     raus     aus     maus     b b

Oh, ich habe vergessen, mich  vorzustellen. Mein Name ist Martin Hamburger. Ich hatte den höchst angenehmen  Auftrag, Sie an das hundertjährige Jubiläum des Senats zu erinnern. Ich danke  Ihnen, dass Sie sich haben stören lassen.

13.5.05       Copyright by       Martin Hamburger, Zürich

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DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK

von Martin Hamburger

Ich hätte für die DDR gekämpft, ich hätte  mich für die DDR geopfert. Ich hätte meine schweizerische Staatsbürgerschaft  aufgegeben, um Bürger der DDR zu werden. Ich hätte eine politische Laufbahn  eingeschlagen, noch mit 38 Jahren, und vielleicht wäre ich unversehens an die  Macht gekommen, so wie Angela Merkel, die nur drei Jahre jünger ist als ich, wie  aus dem Nichts Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland geworden ist. Aber  leider ist nicht alles so gelaufen, wie ich es mir gedacht hatte.

1977. Ich bin zum ersten Mal in der DDR, das  heisst nur in Ostberlin, mit einem Tagesvisum von Westberlin aus. Es ist  Sommer. Ich sitze auf einer Parkbank und strecke und räkle mich, denn ich bin  von der Stadtführung müde geworden. Da setzen sich zwei Studenten zu mir und  machen mir ein Angebot. Ich soll ihnen meine verwaschenen Bluejeans geben und  dafür von ihnen andere Jeans bekommen, fabrikneue DDR-Jeans, sogar zwei Paare,  wenn ich wolle. Die Marke, die ich trage, sei super und nur im Westen zu  bekommen, sie hätten von Jeans, wie ich sie trage, schon lange geträumt. Ich  bin ein Modeverächter und sage ihnen, dass mir Kleider und insbesondere  Markennamen völlig schnuppe seien. „Was wollt ihr mit dem amerikanischen Scheiss?“  frage ich. Den Studenten bleibt die Spucke weg. Aber ich willige ein und lasse  mitten in Ostberlin meine Hosen runter, um Westjeans gegen Ostjeans zu tauschen  (zufällig passen mir die neuen), und bin stolz, mit Menschen aus einem  sozialistischen Land gesprochen zu haben. Es ist ein flüchtiger, dafür fast  körperlicher Kontakt mit Menschen aus der DDR gewesen.

1986. Ich darf am internationalen  Poesiefestival in Struga (Jugoslawien) teilnehmen. Zweihundert Dichter und  Dichterinnen aus siebzig Ländern sind gekommen. Am Rande dieses Festivals mache  ich meine zweite Erfahrung mit der DDR. Es gibt genügend freie Zeit für die  Dichter, um persönliche Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, und so kommt es,  dass eines späten Abends ein paar zusammensitzen und sich für den nächsten Tag  verabreden, um einen gemeinsamen Spaziergang zu unternehmen. Ein Luxemburger,  eine Kubanerin, ein Westdeutscher, ein Amerikaner, eine Ostdeutsche und ich,  der Schweizer. Die Verabredung lautet: Vormittags um 10 Uhr in dem und dem  Hotel. Am nächsten Tag sind es zwei, die sich an die Verabredung halten: die  Frau aus der DDR und der Mann aus der Schweiz. A. kommt pünktlich zur Tür  herein wie ich, und es scheint, dass uns Pünktlichkeit (Pünktlichkeit auf die  Minute genau) eine Selbstverständlichkeit ist. Die andern kommen wohl später,  denken wir, doch die andern kommen überhaupt nicht. Eine Stunde haben wir  gewartet, dann sind wir ohne die andern spazieren gegangen. Haben die andern  verschlafen? Es vergessen? Haben sie Ort und Zeit nicht richtig notiert? Haben  sie keine Lust mehr gehabt? Haben sie die Verabredung nicht ernst genommen?  Warum haben sie im Hotel nicht angerufen? Wir stellen fest, meine Kollegin aus  der DDR und ich, dass die graue DDR und die kleine Schweiz ihre Menschen  geprägt haben. In diesen so unterschiedlichen Ländern sind die Menschen  ähnlicher als man es wahrhaben will: ehrlich, zuverlässig, fleissig, pünktlich.

1987. Beim Schriftstellerverband bin ich inzwischen als  DDR-Kenner (oder -Freund) bekannt, und ich werde beauftragt den  DDR-Schriftsteller P. auf seinem Besuch in Zürich zu betreuen. P. schreibt an  einem Roman über Büchner, und Büchners Lebenslauf führt unweigerlich nach  Zürich. Georg Büchners Zürich ist der Grund für P.s Ausreisebewilligung gewesen.  Meine Betreuung besteht darin, P. Gesellschaft zu leisten und ihm ein paar  Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Aber eigentlich schmieden wir Pläne. Er will mich  zu sich nach Arnstadt einladen und für mich eine Lesung organisieren.

1989. Die Lesung soll am 8. Dezember stattfinden. Ich habe  das Visum bereits im Frühjahr bei der DDR-Botschaft in Bern beantragt, Ende  Sommer mit einem Telefonanruf reklamiert und schliesslich rechtzeitig erhalten.  (Das kurze Telefongespräch mit der Botschaft, ob das Visum in Ordnung gehe, ist  ein Fehler gewesen, denn der schweizerische Geheimdienst hat mitgehört, was ich  später in meinen Fichen nachgelesen habe.) Und als ich nach Arnstadt reise,  gibt es die DDR gar nicht mehr. Jedenfalls nicht so, wie ich sie mir  vorgestellt habe. Die Mauer ist gefallen und im ganzen Land herrscht ein  heilvolles Chaos. Aus der geplanten Lesung in Arnstadt ist eine  Kabarett-Tournee geworden. Ich spiele auch in Gera, wo ich Kollegin A. wieder treffe.  Ich werde in Schulen geladen, um zu diskutieren, und ich bin an der letzten  grossen Montagsdemonstration in Leipzig dabei, wo jeder mit einer Kerze in der  Hand durch die Innenstadt geht, um schweigend den Stasi-Opfern der letzten  Jahre zu gedenken. Ich spreche mit vielen Menschen aus allen  Gesellschaftsschichten, und obwohl niemand mehr ein Blatt vor den Mund zu  nehmen braucht, ist niemand für eine Wiedervereinigung. Alle wollen eine neue,  freie, sozialistische DDR. Neues  Deutschland erscheint nicht mehr als Zentralorgan  der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, sondern als sozialistische Tageszeitung. Ich  entschliesse mich, am Aufbau einer neuen DDR mitzuhelfen. Es ist eine windige  Nacht, die Kerzen flackern. Auch Angela Merkel befindet sich in dieser  Menschenmenge, schützt mit der einen Hand die Flamme ihrer Kerze. Auch sie  fasst einen Entschluss. Sie will aufhören, die Geschwindigkeitskonstanten von  Elementarreaktionen (Titel ihrer Promotion) zu berechnen und endgültig in die  Politik einsteigen.